Der Schlüssel zu Kafka, Rilke, Nietzsche und anderen Dichtern
Im Mittelpunkt dieser Interpretation stehen Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche und vor allem Franz Kafka. Durch Vergleiche mit Aussagen anderer Autoren wie Homer, William Shakespeare, Johann Wolfgang Goethe, E. T. A. Hoffmann, Robert Musil, Lawrence Durrell und Henry Miller, sowie anhand ethnologischer Feldforschung von Marjorie Shostak und des Anthropologen Richard Katz, weise ich in den Erzählungen erwähnter Autoren einen psychosomatischen Prozess nach, der weitgehend durch die «Charakteranalytische Vegetotherapie» Wilhelm Reichs erklärbar ist.
Dabei spielt der von Reich sogenannte Orgasmusreflex, von Dichtern aus Vorsicht meist als Tanz umschrieben, eine initiierende Rolle. Rainer Maria Rilke schreibt davon in «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge»:
...und es brach aus ihm aus wie eine Naturkraft und bog ihn vor und riß ihn zurück und ließ ihn nicken und neigen und schleuderte Tanzkraft aus ihm heraus unter die Menge.
Dieser Reflex wird von der heute mit elektronischen Messgeräten problemlos zu messenden Libido-Energie ausgelöst. Im klassischen Yoga wird diese Energie, die Rilke eine Naturkraft nennt, durch eine Schlange symbolisiert, die Kundalini. Diese Schlange haben Goethe, Nietzsche und E. T. A. Hoffmann nachweislich von da übernommen. Sie ist für die Libido-Energie und ihre Wirkung wohl das treffenste Symbol, ist doch ihre Art der Fortbewegung mit dem Tanz von BauchtänzerInnen durchaus vergleichbar.
Nietzsche gibt der biblischen Schlange, der Verführerin zum Wissen von Gut und Böse, ihren alten Sinn und ihre verlorene Kraft zurück, was viele seiner Leiden erklärt:
Was locktest du dich
ins Paradies der alten Schlange?
Was schlichst du dich ein
In dich – in dich?
Ein Kranker nun,
der an Schlangenkraft krank ist.
Um dem Reflex die ihm zukommende Geltung zu zeigen, stellt Kafka in «Amerika» oder «Der Verschollene» ein Häschen vor das christliche Krippenspiel, das er mit dem neugeborenen Christuskind, das unerwähnt bleibt, als Zukunftsversprechen austauschte. Die Bewegung der Kaninchen bei ihrer, wie auch uns liebsten und viel besungenen Beschäftigung, ist ja eine bekannte Metapher.
Für Kafka war der Reflex richtungsgebend, wie er in «Forschungen eines Hundes» schreibt, wo er von einem Tanz von sieben Hunden erzählt. Spätere Erlebnisse des Prozesses berührten ihn allerdings noch tiefgreifender:
An sich war es nichts, später habe ich solche und noch merkwürdigere Dinge oft genug gesehen, aber damals traf es mich mit dem starken, ersten, unverwischbaren, für viele folgende richtunggebenden Eindruck.
Kafka erneuert und bereichert die Literatur und Psychologie bahnbrechend, indem er psychosomatische Widerstände körperlich darstellt. Sein Werk könnte in Körpertherapien noch heute wegweisend sein. Zudem entdeckte er schon vor Reich, wie dieser Prozess willentlich ausgelöst werden kann!
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Der Schlüssel zu Kafka, Rilke, Nietzsche und anderen Dichtern
(Dies ist eine Überarbeitung des im Bod-Verlag herausgegebenen Buchs «Die dionysischen Tänze grosser Dichter». ISBN 978-3-7526-2797-8)
Wagner:
Allein die Welt! des Menschen Herz und Geist!
Möcht jeglicher doch was davon erkennen.
Faust:
Ja, was man so erkennen heisst!
Wer darf das Kind beim Namen nennen?
Die wenigen, die was davon erkannt,
Die töricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.
Goethe: Faust I
Vorwort
Da ich denselben Prozess durchlebe wie die hier besprochenen Dichter, fühle ich mich veranlasst, den psychosomatischen Prozess aufzuzeigen, von dem in den Werken großer Dichter wie Homer, William Shakespeare, Johann Wolfgang Goethe, E. T. A. Hoffmann, Friedrich Nietzsche, Robert Musil, Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Lawrence Durrell und Henry Miller erzählt ist. Leider ist das Wissen um den Prozess von zahllosen närrischen Ammenmärchen überwuchert, wie sie von Religiösen und Esoterikern zuhauf fantasiert werden.
In diesem Prozess spielt der von Wilhelm Reich sogenannte Orgasmusreflex, von Dichtern aus Vorsicht meist als Tanz umschrieben, eine initiierende Rolle. Der Reflex wird von der heute mit elektronischen Messgeräten problemlos zu messenden Libido-Energie ausgelöst. Rainer Maria Rilke schreibt davon:
...und es brach aus ihm aus wie eine Naturkraft und bog ihn vor und riß ihn zurück und ließ ihn nicken und neigen und schleuderte Tanzkraft aus ihm heraus unter die Menge.
Rainer Maria Rilke/Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Im klassischen Yoga wird die Libido-Energie, die Rilke eine Naturkraft nennt, durch eine Schlange symbolisiert, die Kundalini. Diese Schlange haben Goethe und Nietzsche nachweislich vom Yoga übernommen. Nietzsche gibt zudem der biblischen, in den Baum der Erkenntnis gehängten Schlange ihren alten Sinn und ihre verlorene Kraft zurück. Unserer ursprünglichen, ererbten Natur entfremdet, bereitet der Rückweg dahin jedoch großes Leid. Er schreibt:
Was locktest du dich
ins Paradies der alten Schlange?
Was schlichst du dich ein
In dich – in dich?
Ein Kranker nun,
der an Schlangenkraft krank ist.
Nietzsche/Also sprach Zarathustra
Die Schlange ist für die Libido-Energie das wohl treffendste Symbol, bewegt sie doch den Körper in einer schlangenartigen Bewegung, wie bei Bauchtänzen beobachtet werden kann. Sieht man Kindern und Eingeborenen zu, die es vor Lachen noch schüttelt oder die zuckend schluchzen, sollte allerdings von einem umfassenderen Reflex als nur vom Orgasmusreflex gesprochen werden. Aber Ausdrücke wie «es schüttelte ihn vor Lachen» sind leider zu leeren Metaphern verkommen, da es kaum noch jemanden beim Lachen schüttelt.
Für Kafka war dieser Reflex richtungsgebend, wie er in «Forschungen eines Hundes» schreibt, wo er von einem Tanz von sieben Hunden erzählt:
An sich war es nichts, später habe ich solche und noch merkwürdigere Dinge oft genug gesehen, aber damals traf es mich mit dem starken, ersten, unverwischbaren, für viele folgende richtunggebenden Eindruck.
Um dem Reflex die ihm zukommende Bedeutung zu geben, stellt er in «Amerika», oder in «Der Verschollene», ein Häschen vor ein Krippenspiel, welches das neugeborene Christuskind als Zukunftsversprechen ersetzt. Die Bewegung der Kaninchen bei ihrer, wie auch uns liebsten Beschäftigung, ist uns ja ein vertrautes Bild.
Kafka erneuert und bereichert unsere Literatur und auch die Psychologie außerordentlich, oft indem er sich körperlich manifestierende psychosomatische Widerstände darstellt. Vielleicht sollte das Wort «kafkaesk» nur noch dafür verwendet werden. Sein Werk könnte in Körpertherapien noch heute wegweisend sein.
Die Trennung von Kopf und Körper ist unser großes Problem, die Kontrolle unserer ererbten Natur durch eine anerzogene, überbeanspruchte Vernunft. Diese Trennung hat sich sogar in unserem Sprachgebrauch verankert, sagt man doch «mein Körper», als ob man nicht dieser ganz und gar wäre, sondern ihn wie etwa seinen Geldbeutel besitzt. Und wie wir gern dem Beutel Gutes tun, ihn mit mehr oder weniger Erfolg prall füllen, tun wir unserem Körper Gutes, wenn wir Sport treiben und uns gesund ernähren. Damit sind wir von Gläubigen noch wenig abgerückt, die neben ihrem Körper auch noch Höheres zu besitzen glauben.
Nicht ungern lästere ich gemeinsam mit Kafka über die Psychoanalyse, auf die sich die meisten Literaturinterpreten berufen. Dies tun sie wohl mit der Vorstellung von Freiheit, müssen doch bei diesem Vorgehen kaum Beweise erbracht werden. Zudem dürfen auch offensichtlich zugehörige Textstellen, die sich ihren Interpretationen nicht fügen, bedenkenlos ausgeblendet werden. Einige Feinsinnige werden mir Sexismus vorwerfen. aber seine Psychologie lässt sich am besten durch seine augenfälligen sexuellen Darstellungen nachverfolgen.
Kapitel 1
Welche Psychologie hilft, die hier besprochenen Dichter zu verstehen?
Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet,
Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft.
Homer: Odyssee (Übersetzung Voss/Zeilen 1–5)
Unmissverständlich geht es schon in der Odyssee um eine Psychologie, was dieser Vers zeigt. Um auszumachen, welche Psychologie Aufschluss zu geben vermag, schauen wir erst mal bei Franz Kafka nach. Er nannte den therapeutischen Teil der Psychoanalyse mal einen hilflosen Irrtum. Und in einem Brief kritisierte er an Franz Werfels Drama «Schweiger»:
dass er zu einem Einzelfall degradiert, zu einer psychiatrischen Geschichte, was das Leiden einer ganzen Generation ist.
Und er fährt fort:
Wer hier nicht mehr zu sagen hat als die Psychoanalyse, dürfte sich nicht einmischen. Es ist keine Freude, sich mit der Psychoanalyse abzugeben, und ich halte mich von ihr möglichst fern.
https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/kafka-u-psychoanalyse.pdf
Da es in Kafkas Werk fraglos auch um die Aufarbeitung psychischer Nöte geht, stellt sich die Frage, welche Erfahrungen ihn zu dieser Überzeugung oder Erkenntnis brachten. Kritisiert er die Psychoanalyse, wird er womöglich einen glaubwürdigeren Weg zur Heilung kennen. Diese Frage wurde bisher meiner Wissen nach weder gestellt noch beantwortet. Daher wird Kafka, unabhängig von seinen eigenen Aussagen, beharrlich und fast ausschließlich im Kontext der Psychoanalyse ausgelegt.
Kafka äußerte sich indes noch verächtlicher über sie. Am 25. Juni 1920 schreibt er in einem Brief an Milena Jesenská von seiner ersten Begegnung mit Otto Gross, einem Schüler Sigmund Freuds:
Otto Gross habe ich kaum gekannt; dass hier aber etwas Wesentliches war, das wenigstens die Hand aus dem «Lächerlichen» hinausstreckte, habe ich gemerkt.
Otto Gross zog aus Freuds Lehren politische Konsequenzen und brachte psychoanalytische Erkenntnisse in die Arbeiterbewegung ein. Freud ließ ihn kommentarlos fallen. Wie Gross versuchte dies auch Wilhelm Reich, mit großer Zielstrebigkeit und eigener Forschung, da er sah, dass schwere psychische Störungen und das damit verursachte Elend – er spricht von einer emotionalen Pest – für Arbeiterfamilien ein schweres, beinahe unausweichliches Schicksal waren. Zudem bekam der Nationalsozialismus 1933 zunehmenden Auftrieb, worauf er sein Buch «Die Massenpsychologie des Faschismus» schrieb. Er wurde auf Freuds Initiative hin aus der Psychoanalytischen Gesellschaft ausgeschlossen.
Sublimierung um der Kultur willen, was Freud fordert, verhindert den hier besprochenen Prozess, der erziehungsbedingte, charakterliche Konditionierungen aufbricht, also auch erworbene Sublimierung. Was in den großen Dichtungen der Weltliteratur erzählt wird, wäre bei umgesetzter Sublimierung weder zu erleben noch zu erzählen. Dieser Prozess verfolgt das Ziel, das «Es» vom Diktat des virtuellen «Ichs» zu befreien, und ist somit einer Sublimierung diametral entgegengesetzt. Durch gelungene Sublimierung wären also weder die Ilias noch die Odyssee sowie viele andere kostbare Werke je geschrieben worden. Wir hätten also weit weniger Kultur, wenn wir um der Kultur willen sublimierten, was Freud fordert! Es ist ein Irrglaube, dass der psychisch gesunde Mensch nicht kreativ ist. Zwar würde eine gesunde Menschheit kaum das heutige neurotisch rasante Tempo verschiedenster Entwicklungen einschlagen – sie könnten jedoch zu unserem Vorteil besser kontrolliert werden. Glück haben sie uns ja auch nicht gebracht und Zukunftshoffnungen bröckeln mehr und mehr weg.
Worum handelt es sich also bei dem hier aufgerollten Prozess, einem Prozess, über den rund um die Welt berichtet wird? Dazu zwei weitere Zitate von Nietzsche:
Nach immer reineren Höhen biegt sie den Hals
eine Schlange gerad aufgerichtet vor Ungeduld:
dieses Zeichen stellte ich vor mich hin.
Meine Seele ist selber diese Flamme.
Friedrich Nietzsche/Das Feuerzeichen
Das Symbol der Schlange hat sich Nietzsche in Indien entlehnt, die Kundalini des klassischen Yoga. Unerweckt schläft sie nach indischen Vorstellungen zusammengerollt im Steiß und steigt nach ihrem Erwachen den Wirbelsäulenkanal hoch und breitet sich im ganzen Körper aus. Oft erlebt man dabei wunderbare Lichterscheinungen – passend dazu bemerkt Nietzsche: «Meine Seele ist selber diese Flamme.»
Nietzsches Übermensch wird vor allem wegen Vorurteilen nicht verstanden. Die Kundalini, eine Metapher für unsere Libido, ist der Literaturwissenschaft wohl eine Schimäre, die sie abschätzig ins Esoterische verbannt. Übereinstimmungen zwischen der Kundalini und Nietzsches Schlange werden deshalb übersehen. Das nächste Zitat macht noch verständlicher, was Nietzsche mit der Schlange meint:
Die erste Natur – So wie man uns jetzt erzieht, bekommen wir zuerst eine zweite Natur: und wir haben sie, wenn die Welt uns reif, mündig, brauchbar nennt. Einige Wenige sind Schlangen genug, um diese Haut eines Tages abzustossen: dann, wenn unter ihrer Hülle ihre erste Natur reif geworden ist. Bei den Meisten vertrocknet der Keim davon.
Friedrich Nietzsche/Morgenröte
Bei dieser Schlange geht es also darum, seine psychologischen Widerstände aufzubrechen und zu unserem ererbten, natürlichen Kern zurückzufinden und diesen dann reifen zu lassen.
Auch Robert Musil meint fraglos die Kundalini:
Solche Fragen sind sehr einfach, wenn sie ruhen; aber sobald sie sich aufrichten, sind sie eine ungeheuerliche Schlange, die zu einem harmlosen Fleck zusammengerollt gewesen ist.
Robert Musil/Der Mann ohne Eigenschaften
Und Lawrence Durrell schreibt von dieser Schlangenkraft:
…, dass das Rückgrat wirklich eine Art Riesendamm ist, der zur jogischen Selbsterkenntnis führt – das Kundalini, die aufgerichtete Schlange…
Lawrence Durrell: Fünfauge oder was der Frauenmörder erzählt/rororo 13131/S. 18
Auch Henry Miller, der mit Lawrence Durrell befreundet war, weiß von dieser Schlangenkraft. Unmissverständlich ist auch er:
... selbst die Zeit, in der ich geboren war, entschwand, von einem mächtigen Strom entführt. ... Mein Rückgrat war in einen Brennpunkt der Ellipse eingelassen; ich sah mich im Steiss einer unerbittlich neuen Welt gegenüber.
Henry Miller/Wendekreis des Steinbocks/Rowohlt Verlag/Nr. 8060 1080/S. 186
Und als ob er an die Tänze der Alten um gefeierte Stiere dächte, fährt er zwei Seiten weiter unten fort:
Ich wurde so elektrifiziert, dass ich mich nicht zu bewegen wagte aus Furcht, ich würde wie ein Bulle losbrechen und eine Häuserwand hochklettern oder tanzen und schreien. Plötzlich wurde mir bewusst, dass da alles so war, weil ich tatsächlich ein Bruder Dostojewskis und vielleicht der Einzige in ganz Amerika war, der wusste, was er mit seinen Büchern sagen wollte.
Henry Miller/Wendekreis des Steinbocks/Rowohlt Verlag/Nr. 8060 1080/S. 188
Wenn ich von der Kundalini spreche, meine ich damit eine heute messbare, elektrische Bioenergie, die energetisch verstandene Libido. Die Bioenergie ist selbstverständlich von chemischen Reaktionen begleitet, ohne dass Ursache und Wirkung auszumachen sind. Therapeutisch wie auch sensorisch lässt sich die Bioenergie schneller und besser erfassen. Unsere Gefühle und davon mitgestaltet auch unser Denken, sind eine Folge davon, ob diese Energie wegen chronischer Muskelverspannungen und Bindegewebeverhärtungen gestaut ist oder frei fließt.
Wer mehr über die Kundalini erfahren will, dem empfehle ich folgenden Artikel
im
Internet:http://www.horusmedia.de/1996-kundalini/kundalini.php.
Beschreiten wir diesen energetischen Heilungsweg, werden wir von physischen und psychischen Krankheiten geschlagen, weil sich die vordem blockierte Libido stechend, zerrend und sengend in uns ausbreitet. Im Yoga ist dies als reinigendes Feuer beschrieben, gastrisches Feuer genannt. Vielleicht entstammt die Idee des Fegefeuers der römisch-katholischen Kirche, in dem Sünder nach ihrem Tod für ihre Vergehen in einem Feuer zu büßen haben, bevor sie in den Himmel eingelassen werden, auch der Erfahrung dieses Feuers.
Diese heilende Schlange, also unsere Libido, als Verführerin zum Wissen von Gut und Böse zu entstellen, wird mit ein Grund gewesen sein, dass Nietzsche das verständnislose Christentum etwas aufsässig kritisierte. Damit ging doch unser wertvollstes Wissen verloren.
Allerdings werden in vorchristlichen Zeiten einige wenige des israelischen Volkes noch von der heilenden Schlange gewusst haben, was sich merkwürdigerweise im Neuen Testament zeigt:
Mose richtete den Pfahl mit der bronzenen Schlange sichtbar in der Wüste auf. Genauso muss auch der Menschensohn erhöht werden. Dann wird jeder, der ihm vertraut, durch ihn das ewige Leben finden.
Johannes 2.3./Jesus und Nikodemus/Gute Nachricht
Wir haben es hier mit der Erhöhung Christi und, gleichgesetzt, mit einem von Moses aufgerichteten Pfahl mit bronzener Schlange zu tun. Warum aber sollen wir uns den Thyrsos, der ja dasselbe wie die Erhöhung Christi verspricht, durch den Glauben an ihn ersetzen? Warum den Thyrsos mit ihm verstellen? Soll unsere Erlösung vielleicht nur noch beschränkt eigene Leistungen erfordern und wir uns, um Gnade zu erlangen, vor ihm zur Erde werfen und uns lästigen Gesetzen beugen müssen?
Dass Moses einerseits Gesetzestafeln brachte und den Tanz um den Stier verbot, anderseits diesen Pfahl mit Schlange aufgerichtet haben soll, widerspricht sich. Interessant wäre, in der Bibel zu erforschen, wie sich das Verständnis des Prozesses durch Einbruch von Zwangsmoral mehr und mehr verlor. Leider wird über Pfahl und Schlange in der Bibel nichts weiter gelehrt. Und hätte man verstanden, wäre höchstwahrscheinlich auch dies Wenige noch gestrichen worden, wie es Brauch war. Eine Religion für Schwache und Verängstigte, um nicht Sklavenreligion zu sagen, was man auch schon hörte.
Das kreative Chaos auszusperren, war das Ziel der meisten religiösen Führer und Philosophen. So brachte Moses dem Volk Gesetzestafeln vom Berg, während es um ein goldenes Kalb getanzt haben soll. Allerdings wird es jedoch ein Stier gewesen sein, die man damals im Nahen Osten vielerorts als Fruchtbarkeitssymbol verehrte und tanzend feierte. In der Bibelübersetzung «Gute Nachricht» auch von einem Stier die Rede und nicht von einem goldenen Kalb, das Habsüchtige umtanzt haben sollen. Höchstwahrscheinlich schloss man in sittenstrenger werdenden Zeiten bald mal beschämt die Augen vor der Kraft und den schweren Hoden der Stiere. Moses wird als Gesetzesbringer auch wildes Kopulieren der Feiernden erzürnt haben. Schließlich sollten doch alle unter die Geißel eines einzigen Herrschers gezwungen werden.
Für dasselbe Geschehen wie durch die Kundalini veranschaulicht, wird auch ein anderes Symbol verwendet, der Thyrsos. Er ist ein Stab, von zwei Schlangen umwunden. Die beiden Schlangen entsprechen zwei Nervenbahnen links und rechts der Wirbelsäule, die im klassischen Yoga Ida und Pingala genannt werden. Der Thyrsos entspricht der Kundalini, außer dass bei dieser die durch die neben der Wirbelsäule liegenden Nervenkanäle fließende Energie nicht aufgeführt ist. Die Schlange ist jedoch fraglos das treffendste Symbol für die Libido-Energie, verursacht sie doch den Orgasmusreflex, der nicht unähnlich der Fortbewegungsart der Schlangen ist. (((in heftige Schwingungen)))
Unerweckt soll die Kundalini im Steiß zusammengerollt schlafen. Einmal geweckt, bewegt sie sich den Nervenstrang durch den Wirbelkanal hoch, begleitet von überwältigenden Gefühlen und möglichen Lichterscheinungen, aber auch von Halluzinationen und horrenden Ängsten.
Einen Thyrsos besaß auch der griechische Gott Dionysos. Ihn wiederentdeckt zu haben, spricht Nietzsche stolz sich zu. (Götzendämmerung) Nach dem Mythos der Trinker wurde Dionysos in Indien im Weinbau unterrichtet und soll die Rebe und das Wissen zu keltern von da nach Griechenland gebracht haben. Sie statten Dionysos deshalb mit einem von Weinranken umwundenen Thyrsos aus, wie er meist dargestellt wird. Saufen war im alten Griechenland bekanntlich ein fleissig gepflegter Brauch, lässt Alkohol doch die Bürde vergessen, allzu vielen Verhaltensregeln unterworfen zu sein. So soll Sokrates, ein bis heute wirkender verhängnisvoller Moralist, der nicht wenige Verhaltensregeln erarbeitete, noch jeden unter den Tisch gesoffen haben. Das gemeine griechische Volk betrug sich wohl kaum besser, als von der Leine gelassene, betrunkene heutige Touristen. Dass betrunkene Griechen vom Dionysischen gepackt wurden, scheint mir unwahrscheinlich. Alkohol entführt ja eher in abgeschmackte Welten. So äussert sich Nietzsche, als Entdecker von Dionysos als dem Gott dieses Prozesses, vehement gegen Alkohol. Er soll nach seiner Meinung Europa zugrunde gerichtet haben. Dionysos könnte in Indien also anders gelehrt worden sein. Vielleicht wurde er im klassischen Yoga unterrichtet. In einigen Darstellungen wird er wohl deshalb mit einem Stock gezeigt, um den sich zwei Schlangen winden. Und wahrscheinlich wurde bei schamanischen Treffen und Initiationsriten nicht Wein getrunken, sondern nach altem Brauchtum halluzinogene Drogen eingenommen. Bekanntlich taten dies in alten Zeiten viele Völker. Ich denke, dass griechische Zecher diese Legende aus verlorenem Wissen umschrieben, oder man wollte ob der beängstigenden Gefährlichkeit die Bedeutung des Thyrsos vergessen. Auch im Kundalini-Yoga wurden Praktiken nur noch geheim weitergegeben.
Dass Dionysos und die Kundalini sich entsprechen, nimmt auch Alfred Döblin an:
Sogar Schlangen ringeln sich aus dem Gebüsch und kriechen herzu, die Köpfe mit den listigen, glänzenden schwarzen Äuglein erhoben. Die Schlangen sind den Tänzern und Springern über die Thyrsosstäbe gekrochen und lassen sich freudig wie Kinder tragen, sie drehen sich über den Stabspitzen, stolz, wie Sieger, als wäre ihr Fest gefeiert, die Schlange, ja, die verrufene Schlange. Ja, warum nicht, sie zieht dem Zug voran und zischt und klappert, während die Menschen lachen und singen und flöten und die Schellen schlagen.
Dionysos voran, der Heilbringer.
Alfred Döblin/Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende/dtv 12737/S. 456
In diesem Zitat aus seinem letzten Werk «Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende» zeigt uns der Psychiater und Autor Alfred Döblin, dass die Schlange dasselbe symbolisiert wie Dionysos mit dem Thyrsos. Beide gehen demselben ausgelassenen Zug fröhlich tanzender und singender Menschen voran. Es versteht sich aber auch so, als ob beide den Zug allein anführten – erst soll die Schlange dem Zug vorangehen, dann auch Dionysos. Ihr Platz ist also gleichgesetzt. Damit zeigt Döblin, dass sich der Sinn der beiden Symbole deckt. Und auch er gibt der verrufenen Schlange ihre ursprüngliche Bedeutung zurück.
Edward, der Protagonist, von dessen Heilung Döblin in seinem Buch vor allem erzählt, wurde während des Krieges am Rücken schwer verwundet und verlor ein Bein. Darauf wurde er zur Genesung zurück nach England in eine Klinik gebracht. Als seine Mutter Alice ihn das erste Mal durch ein Guckfenster sehen durfte, verzerrte er das Gesicht zu fürchterlichen Fratzen, worauf sie vor Schreck in Ohnmacht fiel.
Beschreibt da auch Döblin den Beginn einer Heilung, entsprechend Kafkas Niedergang, Reichs Vegetotherapie und dem Entsetzen Maltes, als er hinter eine Maske blickte? Begann sich Edwards Maske in Zuckungen und Fratzen aufzulösen? Von ihm wird mehrmals gesagt, dass es ihn heftig durchschüttelte. Döblin, als Psychiater, wird Wilhelm Reich gekannt und möglicherweise auch dementsprechende eigene Erlebnisse gehabt haben – oder sie bei Klienten beobachtet. Wie der Titel sagt, nimmt ein Ende, das er die lange Nacht nennt. Damit wird eine Heilung gemeint sein. Von dunklen Zeiten, die der Gnade vorausgehen, sprechen ja auch christliche Mystiker. Nach schweren Krisen lebte auch Edward auf, sah alles neu, farbiger und schillernder. Er freute sich nun an vielem, er, der vor dem Krieg meist mürrisch vor sich hinbrütete.
Selbstverständlich sollen auch christliche Sagen und Legenden genutzt werden, um Erlebnisse darzustellen, wie es der zum Katholizismus konvertierte Döblin tut. Vielleicht versuchte er ja listig, die Schlange anderer Vorzeichen in den Vatikan zu schmuggeln, um die etwas alterssteifen Kardinäle und Päpste womöglich zum Tanzen zu verleiten. Leider Gottes wurde da bisher noch nicht mal eine Schlange aus dem Korb gelockt.
Erlebt Nietzsche vielleicht, wie auch manch anderer unser Dichter, was im klassischen Yoga gelehrt und wovon rund um die Welt berichtet wird? In «Geburt der Tragödie» gibt er uns einen handfesten Hinweis, woher das dionysische Wissen stammt, welches das Fundament seiner Philosophie ist – und uns seinen Übermenschen verständlich macht:
Ja, meine Freunde, glaubt mit mir an das dionysische Leben und an die Wiedergeburt der Tragödie. Die Zeit des sokratischen Menschen ist vorüber: kränzt euch mit Epheu, nehmt den Thyrsusstab zur Hand und wundert euch nicht, wenn Tiger und Panther sich schmeichelnd zu euren Knien niederlegen. Jetzt wagt es nur, tragische Menschen zu sein: denn ihr sollt erlöst werden. Ihr sollt den dionysischen Festzug von Indien nach Griechenland geleiten! Rüstet euch zu hartem Streite, aber glaubt an die Wunder eures Gottes!
Nietzsche/Die Geburt der Tragödie
Nach biblischer Lehre ist das Paradies der Ort der Seligkeit und des Friedens. Gott soll einzig verboten haben, Äpfel vom Baum der Erkenntnis zu essen. Eva ließ sich jedoch von einer Schlange dazu verführen, worauf sie Adam dazu verleitete. Darum wurden die beiden, und mit ihnen zugleich alle Nachkommen, aus dem Paradies verstossen. Mit der Erkenntnis von Gut und Böse, mit der Moral, werden Kindern auch Neurosen weitergegeben, was auch sie aus dem Paradies verstößt. Ich will mich jedoch nicht mit all den möglichen Auslegungen dieser Legende auseinandersetzen.
Nun war Nietzsche im landläufigen Sinn nicht sehr moralisch, jedenfalls nicht mit der Feder. Das ermöglichte ihm, seinen Blick auf das «Jenseits von Gut und Böse» zu richten, auf die Zeit vor dem Sündenfall und der damit hereinbrechenden, unser psychisches Gleichgewicht zerstörenden Moral. Nietzsches Paradies bewohnt eine Schlange anderer Beschaffenheit, als es diese jämmerliche, von den alten Israeliten in den Baum der Erkenntnis gehängte Schlange ist. Seine Schlange verführt nicht zum Wissen von Gut und Böse. Sie lockt ihn dahin zurück, wo noch keine Moral herrscht.
Dem Christentum wirft er mal vor, dass nach der biblischen Paradiesgeschichte keine Wissenschaft sein darf. Wissenschaftliche Erkenntnisse wie z. B. astronomische wurden zwar nach einigen Verbrennungen auf Scheiterhaufen von den Kirchen anerkannt. Nietzsche wird also an eine andere Wissenschaft gedacht haben – wohl an eine Psychologie, die nicht sein darf, würde sie doch der Schlange ihre durch die Buchreligionen beschnittene Kraft wieder zurückgeben. Zur biblischen Schlange hätte sich Nietzsche bestimmt nicht zurück gelockt! Seine leuchtete, wie sie auch Goethe in «Das Märchen» beschreibt. (((eine Schlange fütterten))) Nietzsches Schlange ist das Zeichen, das er vor sich hinstellt und das seine Seele und auch eine Flamme ist.
Nietzsche gibt der Paradiesschlange ihren ursprünglichen Sinn zurück! Für ihn ist sie nicht die Verführerin zur Moral, zu der sie in der Bibel wurde. Allerdings werden von der Schlange, die er meint, auch einige wenige aus dem israelitischen Volk noch gewusst haben, soll doch Moses in der Wüste einen Pfahl mit bronzener Schlange aufgerichtet haben. ((( Johannes 2.3)))
Nietzsche gewann sich diese Schlangenkraft zurück, durch die er sich Erlösung oder Heilung versprach. Auch er richtete den Pfahl wieder sichtbar in der Wüste auf; allerdings mit zwei Schlangen und unverdeckt durch den Gottessohn!
Wie wir das Paradies verloren, erklärt uns Kafka in «Forschung eines Hundes»:
Als unsere Urväter abirrten, dachten sie wohl kaum an ein endloses Irren, sie sahen ja förmlich noch den Kreuzweg, es war leicht, wann immer zurückzukehren, und wenn sie zurückzukehren zögerten, so nur deshalb, weil sie noch eine kurze Zeit sich des Hundelebens freuen wollten ... Sie wussten nicht, was wir bei Betrachtung des Geschichtsverlaufes ahnen können, dass die Seele sich früher wandelt als das Leben und dass sie, als sie das Hundeleben zu freuen begann, schon eine recht althündische Seele haben mussten und gar nicht mehr so nahe dem Ausgangspunkt waren, wie ihnen schien oder wie ihr in allen Hundefreuden schwelgendes Auge sie glauben machen wollte.
Franz Kafka/Forschungen eines Hundes
Wir machen uns, mit dem Blick von Hunden und ihren Freuden, von unserer Libido eine allzu armselige Vorstellung. Ihre Gefühlsdimension stellt man sich nur annähernd vor, wenn vieles, das heute als esoterische oder religiöse Erfahrung verstanden wird, zu unserem ordinären Verständnis hinzuaddiert wird, allerdings auf natürliche Ursachen zurückzuführen ist. In diesem Sinn stehen verzückte Gläubige, aber auch manche Psychotiker, wie abstrus ihre Vorstellungen sein mögen, woran es ja auch Religionen nie fehlt, ihrer Libido meist näher als der Homo normales. Esoteriker sind jedoch gleichwohl, ein nicht zu unterschätzendes Übel. Durch all den Unsinn, den sie zu wissen vorgeben, und dabei Tatsachen mit ihrem spirituellen Unsinn aufmischen, bringen sie Forscher davon ab, sich ernstlich mit Erzählungen von real Erlebtem auseinanderzusetzen.
Nach meiner Kenntnis war es C. G. Jung, der als erster Psychologe von der Kundalini schrieb. Ich las also sein Buch «Die Psychologie des Kundalini-Yoga», worin ein Vortrag über dieses Thema aufgezeichnet ist. Jung ging davon aus, dass diese Energie in Indien von oben nach unten, im eher materiell orientierten Westen jedoch von unten nach oben fließt. Darauf brachte eine Frau den richtigen Einwand, dass sich die Kundalini immer zuerst von oben nach unten bewegt und erst darauf von unten nach oben. Jung unterbrach sie autoritär.
Wie ich später genauer ausarbeiten werde, vor allem anhand eines Tagebucheintrags von Franz Kafka, ist es notwendig, eingebüßte Energien und Gefühle dadurch zu wecken, dass zuerst an der chronisch verspannten oder erschlafften Gesichtsmuskulatur gearbeitet wird. Dies wird fortgesetzt, Verspannungen zersetzend, indem man sich von da nach unten vorarbeitet. Erreicht man den genitalen und analen Bereich, nachdem Bauchspannungen aufgelöst worden sind, wird der Tanz- oder Orgasmusreflex freigesetzt. Dadurch wird der vordem gestaute Libido-Energie der Weg freigegeben, durch das Rückenmark nach oben zu fließen und sich im ganzen Körper auszubreiten. Dies ist ein äußerst strapaziöser Heilungsprozess, der Jahrzehnte dauern kann und selten gut endet, was bei einigen der hier besprochenen Dichter nachzulesen ist.
Jung, der mutmaßlich ein sehr vergeistigter Herr ist, sofern es sich nicht um braune Schergen und Wotans Kriegsherrschaft handelt, hat die Bedeutung des körperlichen Hatha-Yoga mit all seinen teils seltsamen Verrenkungen wohl außer Acht gelassen. Es bezweckt nicht nur eine körperliche Ertüchtigung für spätere Strapazen, welche die sich ausbreitende Energie verursachen wird, sondern lockert auch chronische Verspannungen, wodurch verdrängte Gefühle und damit korrelierende Energien befreit werden. Teilweise erinnern Yogaübungen sehr an Dehnungsübungen.
Man kommt eben nur zu bescheidenen Resultaten, wenn Archetypen zusammengefügt und integriert werden sollen. Sie sind oft nichts anderes als Metaphern für Traumata, welche die Folge von durch die Menschheit weltweit in ähnlicher Art und Weise verdrängten Trieben sind. Die Art der Zivilisierung derselben Spezies mittels Verdrängung wird rund um den Planeten auf ähnliche Art erfolgen. Einschränkungen der Atmung z. B. werden überall zu finden sein. Und einer eingeschränkten Atmung werden chronische Verspannungen derselben Muskelgruppen zugrunde liegen. Es ist daher kaum verwunderlich, dass diese Verdrängungsmechanismen, aber auch deren Heilung, weltweit durch ähnliche Bilder oder Archetypen dargestellt werden.
Nach Jung sollen diese Archetypen zusammengefügt werden, die es als Traumata doch schon sind! Um den Unsinn dieser Lehre zu zeigen, eignet sich der Trickster wohl am besten. Er ist ein junger Held oder Gott, der sich gegen Konventionen und Vorschriften auflehnt. Als Jugendlicher, während der Pubertät und Adoleszenz, tut und spricht er oft provokativ das Gegenteil von dem, was Eltern, Lehrer und andere Autoritäten von ihm erwarten. Nun haben aber Ethnologen festgestellt, dass Jugendliche der Jäger- und Sammlerzeit keine oder nur wenige Pubertätsprobleme kannten. Sie hatten meist ihre eigenen Dörfer in der Nähe der Erwachsenen und waren kaum sexuellen Verboten unterworfen. Für unsere heutigen Begriffe waren sie erstaunlich autonom und wurden bis ins Alter von rund 15 Jahren zu keiner Arbeit gezwungen. Allerdings nahmen sie an diesen oft spielerisch lernend teil. Natürlich hatten sie auch keine Schulbänke zu drücken. Erziehung ist eine Verschwörung erzogener Erwachsener. Diese unsere Welt, die Ausbildung als großes Privileg betrachtet, in der man ohne Schulung auch meist einem ärmlichen, elenden Leben entgegensieht, haben wir uns selbst geschaffen und schaffen dann mit guter Ausbildung offensichtlich meist Unnötiges und Schädliches.
Der Trickster ist also jüngeren Datums, und jung ist oft die Art und Weise, wie wir Problemen aus dem Weg gehen. Ließe man Kinder von Geburt an aufwachsen, wie sie es bei diesen Völkern oder Stämmen durften, entwiche der Trickster bestimmt wie Nebel in der Morgensonne aus dem vermeintlich kollektiven Unterbewussten. Allerdings muss ich gestehen, dass ich Jungs Psychologie schlecht kenne, da mir seine Lehren bald unglaubwürdig waren und ich mich nicht weiter in sie vertiefen wollte.
Nun ist Jung zwar schon lange tot, aber es gibt noch immer Jungianer. So traf ich eine Frau, die mir erzählte, dass es sie nachts öfter schüttelte. Dies weckte sie jeweils aus dem Schlaf, worauf sie kaum mehr einschlafen konnte. Als ich nachfragte, wie sich das abspiele, meinte sie, sie hätte gezappelt wie ein an Land gezogener Fisch, von Kopf bis Fuß. Und sie antwortete auf meine Frage hin, dass sie dabei nichts empfunden hätte und es ihr nur lästig gewesen wäre. Allerdings nahm sie wegen diagnostizierter Schizophrenie Psychopharmaka, wodurch wahrscheinlich der Orgasmusreflex, den sie offensichtlich erlebte, so wie sie das Schütteln beschrieb, an Attraktion verlor. Er ist meist äußerst belebend und kann große Glücksgefühle auslösen. Ihr Psychiater, zu dem sie meinte, dass sie Glück gehabt hätte, auf ihn gestoßen zu sein, da er kein gewöhnlicher, sondern Jungianer sei und auch von anderem eine Ahnung habe, dosierte darauf ihre Medikamente höher. Da schüttelte es sie nachts, steckte möglicherweise in einem Heilungsprozess, wurde aber von ihrem wissenschaftlich geschulten Medizinmann mit Medikamenten abgefüllt. Ein solcher Heilungsprozess dauert allerdings viele Jahre und ist meist unglaublich aufreibend, was sie vielleicht nicht durchgestanden hätte. Ihre Situation ist jedoch kaum glücklicher, was mir ihr stumpfer Blick verriet. Und sie wusste nichts vom Orgasmusreflex!
War ihrem Psychiater vielleicht bewusst, was ihr da mitspielte? Versuchte er, Schlimmeres zu verhindern, da gegebenenfalls ein größeres Elend die Rechnung gewesen wäre? Hätte sich ihre als schizophren diagnostizierte Situation zugespitzt – die eventuell gar keine war? Vielleicht war sie ja in den hier besprochenen Prozess verstrickt. Jedenfalls hätte sie als intelligente Frau über den Orgasmusreflex informiert werden müssen, der leider von den meisten Psychologen ignoriert oder auch aus sehr persönlichen Gründen verdrängt wird. Ihr Urteil jedenfalls ist gesprochen – lebenslänglich betäubende Medikamente zu schlucken und infolge einer deren Nebenwirkungen massig an Gewicht zuzulegen.
Natürlich versuchte ich, sie über den Orgasmusreflex aufzuklären, wovon sie aber, vermutlich in großer Abhängigkeit von ihrem Psychiater, nichts wissen wollte.
Kapitel 2
Wilhelm Reichs Charakteranalytische Vegetotherapie tttt
Vorauszuschicken ist ein Abschnitt von Wilhelm Reich, der das Prinzip seiner Charakteranalytischen Vegetotherapie in Kürze folgendermassen beschreibt:
Ihr Grundprinzip ist die Wiederherstellung der biopsychischen Beweglichkeit durch Auflösung der charakterlichen und muskulären Erstarrungen (Panzerungen). Experimentell begründet wurde diese Technik der Neurosenheilung durch die Enthüllung der bioelektrischen Natur der Sexualität und der Angst. Sie sind entgegengesetzte Funktionsrichtungen des lebenden Organismus: lustvolle Expansion und ängstliche Kontraktion.
(Wilhelm Reich/Die Entdeckung des Orgons/Die Funktion des Orgasmus/KIWI Verlag 122/ S. 17
Die bioelektrische Energie ist es, einhergehend mit einem heute gründlicher erforschten chemischen Geschehen, was unsere Gefühle in Gang hält. Die durch eine chronisch verspannte Muskulatur blockierte Energie zum Fließen zu bringen und durch unsere Sozialisierung nie entwickelte Gefühle erleben zu können, ist das Ziel der von Reich entwickelten Therapie.
Zum Freud’schen Konstrukt unserer psychischen Struktur, zu Ich, Über-Ich und Es, meint Reich, dass es zu keiner Charakterlehre führen könne, die somatisch begründet ist. Er sieht die Struktur des psychisch erkrankten Menschen in drei übereinander angeordneten Schichten.
Die äußere Schicht entspricht einer der Öffentlichkeit gezeigten Maske, möglichst freundlich und gesellschaftskonform. Um diesen Eindruck zu unterstützen, wird sie auch mal dick verspachtelt und tüchtig angestrichen.
In der mittleren Schicht, herrschen negative Gefühle vor wie Angst, Wut, Hass, Habgier, Ekel und abartige Triebregungen.
Unter diesen zwei Schichten steckt der Kern, unsere natürliche Veranlagung, eine einfache, offen agierende Haltung mit natürlichen Bedürfnissen. Von diesem Kern, den Nietzsche unsere erste Natur nennt, werden wir durch unsere Zivilisierung abgeschnitten – von einer verzaubernden Welt, in die uns, wenn überhaupt, während unseres Lebens meist nur in wenigen Momenten Einblick gewährt ist! Selbstverständlich sah Reich unsere psychische Struktur differenzierter und verglich:
... die charakterlichen Schichtungen mit geologischen Schichtenablagerungen, die ebenfalls erstarrte Geschichte sind.
Wilhelm Reich/Die Funktion des Orgasmus/KiWi Verlag 122/S. 113
Es ist das Ziel der Charakteranalytischen Vegetotherapie, zu diesem Kern vorzudringen. Dazu sind chronische muskuläre und charakterliche Erstarrungen (Panzerungen) zu lockern, an denen sich die Libido, respektive Bioenergien, staut. Dabei werden auch Verspannungen der Faszien beteiligt sein. Diese Panzerungen gilt es aufzuspüren, um zu verdrängten Gefühlen durchzudringen. Reich geht davon aus, dass chronische muskuläre Verspannungen nicht nur eine Begleiterscheinung psychischer Probleme sind, sondern die körperliche Seite der Verdrängung. Diese körperlichen Verspannungen zu lösen, ermöglicht, unmittelbar zu psychischen Problemen durchzudringen – ohne langwierige Umwege unsicherer Analysen. Er schreibt:
Jede muskuläre Verkrampfung enthält die Geschichte und den Sinn ihrer Entstehung.
Die Funktion des Orgasmus/Die Entdeckung des Orgons/KiWi Verlag 122/S. 227
Reich beschreibt Theorie und Technik der Charakteranalytischen Vegetotherapie in seinen Büchern «Charakteranalyse» und «Die Funktion des Orgasmus». Er sieht, wie viele Historiker, den Beginn unserer menschlichen Entfremdung in alter Vergangenheit und nennt auch Ursachen und Folgen:
Die charakterliche Struktur des heutigen Menschen, der eine sechstausend Jahre alte patriarchalisch-autoritäre Kultur fortpflanzt, ist durch charakterliche Panzerung gegen die innere Natur und gegen die äussere gesellschaftliche Misere gekennzeichnet. Sie ist die Grundlage von Vereinsamung, Hilfsbedürftigkeit, Autoritätssucht, Angst vor Verantwortung, mystischer Sehnsucht, sexuellem Elend, neurotisch-hilfloser Rebellion ebenso wie krankhaft-widernatürlicher Duldsamkeit. Die Menschen haben sich dem Lebendigen in sich feindselig entfremdet. Diese Entfremdung ist nicht biologischen, sondern sozial-ökonomischen Ursprungs. Sie fehlt in den Stadien der Menschheitsgeschichte vor der Entwicklung des Patriarchats.
Wilhelm Reich/Die Funktion des Orgasmus/KiWi Verlag 122/S. 16
Wir pressen uns in eine uns fremde Form, die uns drückt wie zu kleine Schuhe. Unsere Ahnen, Jäger und Sammler, lebten während Jahrhunderttausenden in kleinen, überschaubaren Gruppen, weitgehend egalitär und solidarisch. Ohne ihre Solidarität hätten sie kaum überlebt. Untersuchungen zeigen, dass infolge dieser lang gelebten Solidarität Kinder mit einem vererbten Gerechtigkeitssinn zur Welt kommen. Sicher steckt in uns aber auch ein angeborener Egoismus, dem unser kapitalistisches System in Form gepriesener Konkurrenz leider arg Vorschub leistet.
Nun war Reich zwar nicht der Erste, der bioelektrische Spannungen maß, jedoch der Erste, der sie therapeutisch nutzte. Er schreibt:
Der Begriff der sexuellen Potenz hat ohne Einbeziehung des energetischen, ökonomischen und erlebnismässigen Anteils keinen Sinn. Die erektive und die ejakulative Potenz sind bloss unerlässliche Vorbedingungen für die orgastische Potenz. Sie ist die Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung durch unwillkürliche lustvolle Körperzuckungen.
Die Funktion des Orgasmus/Die Entdeckung des Orgons/KiWi Verlag 122/S. 81
Und:
Ein solcher energetischer Standpunkt würde uns endlich in die Lage versetzen, mit der «menschlichen Natur» ebenso umzugehen wie mit der gesamten übrigen Natur: nicht mittels komplizierter Gedankenkonstrukte, sondern mittels einfacher Energiefunktionen.
(Wilhelm Reich/Charakteranalyse/KiWi Verlag 191/S. 622
Chemisches und bioelektrisches Geschehen in lebenden Zellen und Körpern bedingen sich zwar, jedoch ist das energetische Geschehen leichter und ohne große Verzögerungen erfassbar. Haben Kinder Angst, reduzieren sie ihre Atmung. Sie verspannen dabei ganze Muskelgruppen und bewirken damit eine Reduzierung der Sauerstoffzufuhr, was ihre Angst herabsetzt. Erreicht wird dies vor allem durch eine Verspannung der Bauchmuskulatur und des Zwerchfells. Ist ein Kind häufig verängstigt, führt dies zu chronischen Verspannungen, die seine körperliche und geistige Vitalität einschränken.
In der Charakteranalytischen Vegetotherapie wird versucht, diese chronischen Verspannungen, deren sich der Klient oft nicht bewusst ist, zu zersetzen. Daher hat er sich dieser Verspannungen erst mal bewusst zu werden. So wird auf bestimmte Körperzeichen aufmerksam gemacht, wie z. B. auf einen enttäuschten Gesichtsausdruck oder auf verängstigt aufgerissene Augen. Dann wird er aufgefordert, diesen Gesichtsausdruck zu intensivieren und, um seine Gefühle anzuregen, auch mal für kurze Zeit tief und schnell zu atmen. Dadurch können sich die Gefühle einstellen, die seinem Gesichtsausdruck zugrunde liegen. Bei leichter Erkrankung kann aber auch durch Einsicht in charakterliche Haltungen eine Lockerung der muskulären Verspannungen erreicht werden. Auch Massagen helfen. Stellen sich dann die bisher verdrängten Emotionen ein, beginnt der Klient möglicherweise zu zittern, zu weinen. Zu Beginn wird er auch oft aggressiv werden, weil er die alten Zwänge wieder erlebt, gegen die er sich als Kind nicht wehren durfte.
Diese Emotionen müssen unbedingt ausagiert werden, damit sich ein Therapieerfolg einstellt. Der Klient soll also laut brüllen und toben dürfen, wobei man ihn zur Abfuhr seiner Wut mit Vorteil auf ein Kissen einschlagen lässt, ansonsten zwei Bodybuilder hilfreicher wären als jeder Therapeut. Der Erfolg der Therapie ist umso nachhaltiger, je vollständiger die zugrunde liegenden muskulären Verkrampfungen ausagiert werden. Dabei wird man sich gegebenenfalls an die Erlebnisse erinnern, die diese Wut verursachten. Allerdings sind Erinnerungen zur Heilung nicht zwingend notwendig. Entscheidend ist, die verdrängten Gefühle zuzulassen und sie auszuleben.
Wilhelm Reich lehrt, dass die muskulären Panzerungen segmentär angeordnet sind. Fünf Segmente befinden sich an den Orten der Nervenaustritte aus der Wirbelsäule und den durch Nerven damit verbundenen Ganglien. Das sind Nervenknoten, die die Organtätigkeiten regulieren. Das sechste und das siebte Segment befinden sich nach der Yogalehre in Stirn und Scheitel. Reich unterscheidet zwischen Kinnpartie und Augen, Stirn und Kopfhaut. Die Segmente sind Sitz basaler Gefühle und entsprechen mehr oder weniger den sieben Chakren des Yoga. Die Sieben finden sich auch in vielen Beispielen unserer Sprache, um Gefühle, aber auch ihr Fehlen, zu beschreiben. Ausdrücke wie «er hat ein großes Herz», «ihm sitzt die Angst im Nacken», «es würgt mich», «ich habe eine Wut im Bauch», «tote Hose», «ein Brett vor dem Kopf», das man sich als an die Stirn genagelt vorstellen kann, daher «vernagelt» usw.
Verspannungen werden mehr oder weniger von oben nach unten zersetzt, in der Reihenfolge dieser Segmente. Das Ziel der Therapie ist es, vegetative Strömungen und die zugehörigen Gefühle wieder zuzulassen. Emotionen sollen wieder intensiver, aber auch körperlich sichtbar erlebt werden, wie etwa ein Schütteln beim Lachen oder Schluchzen – Gefühlsäußerungen, die bei zivilisierten Erwachsenen kaum mehr zu beobachten sind.
Der umfassendste Reflex ist der Orgasmusreflex. Er läuft in wellenförmigen Bewegungen ab, wobei sich das Becken nicht mit Bauch und Oberschenkeln als steifes Ganzes bewegt. Die Vegetotherapie richtet große Aufmerksamkeit darauf, diesen Reflex zu wecken, sodass beim Vollzug des Geschlechtsaktes die Energie wieder frei strömen und sich in lustvollen Körperzuckungen entladen kann. Reich meint:
Der Faktor, der die menschliche Struktur vom «kranken» in den «gesunden» Zustand verwandelt, ist die emotionelle, bioenergetische Koordination. Der Orgasmusreflex ist bloss der auffälligste Indikator dafür, dass eine solche Koordination gelungen ist.
Wilhelm Reich/Charakteranalyse/KiWi Verlag 191/S. 580–581
Einiges in den Werken der hier besprochenen Dichter zeigt, dass der Heilungsprozess in zwei Phasen verläuft. Zuerst sind die Panzerungen aufzubrechen, bis der Orgasmusreflex durch die befreite Libido ausgelöst wird. Darauf beginnt eine jahrelange Zeit der Rekonvaleszenz. Die Libido-Energie beginnt, Körper und Hirn umzustrukturieren und die durch die vormaligen chronischen Verspannungen verursachten Schäden zu heilen. Dieser Prozess ist sehr belastend und höchst gefährlich, besonders für das Gehirn – wahrscheinlich eine mögliche Ursache, dass Nietzsche und andere Dichter letztlich dem Wahnsinn verfielen.
Ich selbst fand vor allem über Ängste, denen ich willentlich nachgab, Zugang zu muskulären Blockaden und den sie bedingenden Verdrängungen. Ich bin also einer, der auszog, das Fürchten zu lernen. Die zugelassenen Ängste gaben den Energien den Weg frei, worauf meist unwillkürliche Bewegungen und eine vertiefte Atmung folgten.
Kafka entdeckte eine mögliche Initiation schon vor Reich! Er schreibt in sein Tagebuch:
Merkwürdig, dass aus Komödie bei genügender Systematik Wirklichkeit werden kann. Mein geistiger Niedergang begann mit kindischem, allerdings kindisch-bewusstem Spiel. Ich ließ zum Beispiel Gesichtsmuskeln künstlich zusammenzucken, ich ging mit hinter dem Kopf gekreuzten Armen über den Graben. Kindlich-widerliches, aber erfolgreiches Spiel. … Wenn es möglich ist, auf diese Weise das Unglück herbeizuzwingen, sollte alles herbeizwingbar sein. Ich kann, so sehr mich die Entwicklung zu widerlegen scheint und so sehr es überhaupt meinem Wesen widerspricht, so zu denken, auf keine Weise zugeben, dass die ersten Anfänge meines Unglücks innerlich notwendig waren, sie mögen Notwendigkeit gehabt haben, aber nicht innerliche, sie kamen angeflogen wie Fliegen und wären so leicht wie sie zu vertreiben gewesen.
Das Unglück auf dem anderen Ufer wäre ebenso groß, wahrscheinlich größer (infolge meiner Schwäche), die Erfahrung dessen habe ich doch, der Hebel zittert gewissermaßen noch von der Zeit her, als ich ihn zuletzt umgestellt habe, warum vergrößere ich aber dann das Unglück, auf diesem Ufer zu sein, durch die Sehnsucht nach dem anderen.
Kafkas Tagebucheintrag vom 24. Januar 1922
Als höchst findiger Psychologe zeigt Kafka mit diesem Tagebucheintrag die Möglichkeit, den in Epen erzählten Heilungsprozess gezielt einleiten zu können. Eine nicht zu überschätzende Entdeckung. Damit eröffnet er einer somatischen Psychologie ganz neue Möglichkeiten der Therapie.
Die Psychologie, die erklärt und praktiziert, wie durch Manipulationen im Gesicht das Unglück herbeigeführt werden kann, zumindest bis eine Heilung erreicht wird, ist Wilhelm Reichs Charakteranalytische-Vegetotherapie. Er sagt, dass eine wirklich grundlegende Veränderung nur dann eintritt, wenn zuerst die von den Verspannungen der Gesichtsmuskulatur unterdrückten Emotionen freigesetzt werden:
Der verkrampfte Muskelkomplex enthüllt erst dann seine Funktion, wenn die Aufrollungsarbeit ihn in «logischer Weise» erreicht hat. Man wird vergebens versuchen, etwa eine Bauchspannung gleich im Anfang zu zersetzen. Die Auflösung der muskulären Verkrampfung folgt einem Gesetz, zu dessen Erfassung noch nicht alle Voraussetzungen vorliegen. Soweit man sich nach den bisherigen Erfahrungen ein Urteil erlauben darf, beginnt die Lösung der muskulären Panzerung gewöhnlich an den Stellen, die von der genitalen Apparatur am weitesten entfernt sind, meist am Kopf.
(Wilhelm Reich/Funktion des Orgasmus/KiWi Verlag/S. 228
Und:
Um die Patientin auf einen genitalen Durchbruch vorzubereiten, konzentrierte ich mich auf ihre erstarrte Stirn und auf ihre Augen. Ich liess sie die Haut der Stirn bewegen, die Augen in alle Richtungen drehen, Wut, Angst, Neugier und Wachsamkeit ausdrücken. ... Wir «manipulieren» nicht auf mechanische Weise, sondern wir induzieren im Patienten Emotionen, indem wir ihn willentlich diesen oder jenen emotionellen Ausdruck imitieren lassen.
Wilhelm Reich/Charakteranalyse/KIWI 1927/ S. 590
Der Vegetotherapeut wird demnach zuerst Verspannungen im Gesicht des Klienten ausmachen und ihm dann diese bewusst zu machen versuchen. Er wird ihn auffordern, diese Verspannungen zu übertreiben, also z. B. die Augen oder den Mund schreckhaft aufzureißen, und wie Kafka, Gesichtsmuskeln willentlich zucken zu lassen. Dadurch können die Gefühle zutage treten, die durch die Maske gebunden waren. Der Beginn des Niedergangs in die verdrängten Schrecken der Kindheit! Reich meint, dass jede muskuläre Verkrampfung die Geschichte und den Sinn ihrer Entstehung enthält.
Die Möglichkeit, durch Manipulation der Gesichtsmuskulatur Gefühle zu wecken, die den Gesichtsausdrücken entsprechen, wiesen Studien von Paul Ekman nach, Psychologe und Experte für nonverbale Kommunikation. Dazu meint der Neurologe Antonio R. Damasio:
Er forderte Versuchspersonen auf, bestimmte Gesichtsmuskeln in einer bestimmten Reihenfolge zu bewegen, und zwar so, dass ihre Miene ohne ihr Wissen Glück, Traurigkeit oder Furcht zum Ausdruck brachte. Die Versuchspersonen wussten nicht, welcher Ausdruck sich auf ihren Gesichtern abzeichnete. In ihrem Bewusstsein gab es zu diesem Zeitpunkt keinen Gedanken, der in der Lage gewesen wäre, die dargestellte Emotion hervorzurufen. Und doch stellte sich bei den Versuchspersonen das Gefühl ein, das der gezeigten Emotion entsprach. ... Ein psychologisch unmotivierter und «gespielter» emotionaler Ausdruck ist in der Lage, ein Gefühl hervorzurufen.
Antonio R. Damasio/Der Spinoza-Effekt/List 60494/S. 88–89
Kafkas oben stehenden letzten Tagebucheintrag vom Zitat vom 24. Januar 1922, der ausschlaggebend ist, ihn überhaupt verstehen zu können, habe ich bis heute nicht glaubwürdig erklärt gefunden!
Die postmoderne Literaturwissenschaft fördert unser Unverständnis ja auch, vertritt sie doch, dass nicht verlässlich ausgemacht werden kann, was ein Autor uns sagen will. Dies unter anderem deshalb, weil schon jedes Wort eine mehrfache Bedeutung hat. Gewicht soll deshalb erhalten, was der Leser in einem Werk erblickt! Man gibt seiner Meinung auch deshalb den Vorrang, weil ohnehin nur konstruierte Narrative existieren sollen und die Realität uns nicht greifbar ist; oder, ins Extreme zugespitzt, soll es gar keine Natur geben, sondern nur Erzählungen davon. Daher soll es einzig ein relatives Verständnis geben, wie man auch mal hört. Zur Begründung wird dann die Einsteinsche Relativitätstheorie herangezogen. Nun gelten da allerdings strenge physikalische Gesetze – die Konstante der Lichtgeschwindigkeit, wie auch, dass Raum, Zeit und Geschwindigkeit von Körpern in gegenseitiger berechenbarer Abhängigkeit stehen. In der Literaturwissenschaft erspart man sich jedoch die Mühen mit derart querliegenden Gesetzmäßigkeiten. Mit diesem Vorgehen lassen sich zwar keine interstellaren Reisen bewältigen, aber man schenkt sich große Freiheiten und erspart sich die lästige Mühe, Beweise erbringen zu müssen, die sich auf verifizierte Gegebenheiten stützen. Dies führt dann auch mal zu Behauptungen des puren Gegenteils von dem, was uns Dichter mitzuteilen.
Eine die Literaturwissenschaft auch nicht förderliche Folge davon ist, dass nun jedem gestattet ist, auszublenden, was immer seinem Verständnis widerspricht oder er ganz einfach nicht versteht. So wird auch oft mit Aussagen verfahren, die in demselben Absatz stehen, womit der Autor eine wechselseitige Beziehung andeuten wird. Dies zu zeigen, liefert uns der bekannte Kafka-Kenner und Biograf Klaus Wagenbach ein Beispiel. Obiges Zitat aus Kafkas Tagebuch, man weiß ja um sein Elend, seine Klagen sind nicht überhört, und sagt er doch unmissverständlich: «Wenn es möglich ist, auf diese Weise das Unglück herbeizuzwingen», lässt doch andere Schlüsse ziehen, als dies Wagenbach tut:
Harmlos und kindlich in der Tat im Vergleich etwa zu den jugendlichen Eskapaden Rilkes, der mit weissen Handschuhen, Spazierstock und Lorgnon (oder im Habit eines Abbés), in der Hand eine langstielige Iris, feierlich schreitend auf dem gleichen eleganten Prager Graben zu flanieren pflegte.
Klaus Wagenbach/Kafka/rororo 91/S. 34
Die im selben Abschnitt enthaltenen Aussagen, wie auch die im oben zitierten Tagebucheintrag vom 24. Januar 1922, werden in gegenseitiger Beziehung stehen und sind auch dementsprechend zu interpretieren. Und ist eine übergeordnete Aussage auszumachen, wie der zweimal erwähnte Niedergang, sollten die anderen Aussagen zu dieser in Beziehung interpretiert und ohne Unstimmigkeiten unter einen Schirm gebracht werden. Gewiss gilt dies für den obigen Tagebucheintrag.
In seiner Auslegung blendet Wagenbach indes das Entscheidende aus, den Niedergang und dass Kafka sich mit bewussten Manipulationen ins Unglück brachte. Da steht doch: «Wenn es möglich ist, auf diese Weise das Unglück herbeizuzwingen», und er dies dadurch erreicht, indem er unter anderem seine «Gesichtsmuskeln künstlich zusammenzucken» liess, wird damit doch mehr gemeint sein, als dass er auf einer Brücke über den Graben ging und dabei einer mit Rilke vergleichbaren Clownerie frönte. Wagenbach blendet da einfach aus, noch bevor die postmoderne Literaturwissenschaft ihm diese Freiheit zugestand, was sich nicht in seine Interpretation fügt. Er ist sich seines christlichen Erbes wohl nicht bewusst, mit dem auch er geschlagen sein wird, geriet doch das Wissen um den Prozess letztendlich durch das Wirken der katholischen Kirche endgültig in Vergessenheit. Daher nagelt er Kafka, wie viele seiner Verehrer, als mutlosen Neurotiker fest, als ob er zur Vergebung ihrer Neurosen leiden würde, wie Jesus es für die Sünden Gläubiger getan haben soll.
Übereinstimmend damit, dass Kafka sein Unglück durch Manipulationen im Gesicht herbeiführt, ist, dass er «mit hinter dem Kopf gekreuzten Armen» über den Graben geht. Dadurch dehnt er seine Brust und wird, tiefer durchatmend, sein Herz öffnen. Nur so kann er die Gefühle des Niedergangs zulassen. Und schritt er über «den Graben», wird ein Gang, vergleichbar dem über eine Brücke gemeint sein. Durch Brücken wird in der Literatur wiederholt auf einschneidende Lebensübergänge angespielt, was Kafkas Niedergang zweifellos ist. Er sagt ja nicht, dass der Prager Graben gemeint ist, wie Wagenbach uns einzureden versucht. Kafka spielt auf einen inneren Graben an, der ihn bis anhin vor dem leidvollen Niedergang bewahrte. Schreibt er im zweiten zitierten Absatz: «warum vergrößere ich aber dann das Unglück, auf diesem Ufer zu sein, durch die Sehnsucht nach dem anderen.», ist der Graben unverkennbar als ein innerer zu verstehen.
Das vielleicht aufschlussreichste Beispiel einer Brücke, ist sie doch zugleich eine Schlange, findet sich in Goethes «Das Märchen». Diese Brücke führte, nach schweren Heimsuchungen des prinzlichen Hödi, der mit seiner Erlösung zugleich die der Prinzessin erwirkte, die dafür einzig die Allerschönste zu sein hatte, zum Palast des frisch Vermählten und gekrönten Paares. Goethe schreibt:
Beide wussten nicht die Veränderung, die mit der Schlange vorgegangen war: denn die Schlange war es, die sich jeden Mittag über den Fluss hinüber bäumte und in Gestalt einer kühnen Brücke dastand.
Goethe/Das Märchen
Goethe beschreibt hier allerdings das Ende des Prozesses, und nicht eine Wende während seiner Evolution, wie in den besprochenen Beispielen von Kafka. Interessant ist an der von Goethe erwähnten Schlange, dass sie vordem von zwei Irrlichtern mit Gold gefüttert wurde, worauf sie immer stärker leuchtete, um am Ende des Prozesses, sich über den Fluss bäumend, diese Brücke zu bilden. Die Schlange und die beiden Irrlichter sind eine Darstellung desselben Phänomens, das der von zwei Schlangen umwundene Thyrsos symbolisiert. (((In Goethes «Märchen», sind)
Kafka zeigt sein Verständnis des allegorischen Sinns einer Brücke in der kurzen Erzählung «Die Brücke». Der Erzähler, kalt und steif, war selbst diese Brücke. Zu seiner Verankerung hatte er sich mit Fussspitzen und Händen in bröckelndem Lehm eingebohrt. Seine charakterlichen Versteifungen sind dementsprechend wenig ausgehärtet und halten keiner grösseren Belastung stand:
Die Brücke
Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich, diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. So lag ich und wartete; ich mußte warten; ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören Brücke zu sein. Einmal gegen Abend, war es der erste war es der tausendste, ich weiß nicht, meine Gedanken gingen immer in einem Wirrwarr, und immer in der Runde. - gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, da hörte ich einen Mannesschritt. Zu mir, zu mir. Strecke dich Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten, die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib Dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ans Land. Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir, in mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen. Dann aber – gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal – sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend. Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter? Und ich drehte mich um, ihn zu sehn. Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich so friedlich immer angestarrt hatten aus dem rasenden Wasser.
Zutreffend zeigt Kafka, dass man diese symbolische Brücke selbst ist und den Graben, oder das Wasser, nicht unbetroffen trockenen Fusses überschreiten kann. Zur Fortsetzung des Prozesses wird man in den Bach oder den Fluss fallen müssen, stellt das fliessende Gewässer doch die Bioenergie dar, die sich nach dem Sturz, identisch mit dem Niedergang, im Betroffenen schmerzhaft ausbreitet.
Nachdem ein Unbekannter die Brücke mit der Eisenspitze seines Stockes beklopft hatte, hob er deren Rockschösse und ordnete sie auf ihm. Dies war wohl in der Gegend ihres Bauchs, um den Weg hin zum ersten Segment, zur Libido, freizuschaufeln. Dabei ist auch der Kopf betroffen, fuhr doch der Fremde mit der Spitze seines Stockes in ihr buschiges Haar, und liess sie, «wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen». Das geht kaum ab ohne Kopfschmerzen und Stiche im Hirn, wurde die Brücke doch am Kopf getroffen, weil ihre «Gedanken in einem Wirrwarr immer in der Runde» gingen. Die buschigen Haare stehen hier symbolisch für das erwachende Hirn. Das Bild reichen Haars verwendet Kafka auch in «Das Schloss». Anhand des Haars der Wirtin und eines Häubchens über dem Scheitel, ein Andenken an den Widerstände personifizierenden Beamten Klamm, zeigt er ihre verpasste Gelegenheit, die Gnade herunterzuholen. Reiches Haar stellt er damit der Krone gleich, das sich zur Darstellung der Reifung gewiss besser eignet. Rückblickend ist die Krone, die doch erst mit dem Auftreten des Patriarchats in Gebrauch kam, eher ein Symbol missbrauchter Macht. (((Was also könnte)))
Und als dann der fremde Unbekannte der Brücke «mitten auf den Leib» sprang, erschauerte sie «in wildem Schmerz, gänzlich unwissend». Neugierig drehte sie sich um, seinen Quälgeist ins Auge zu fassen. Erst tat sie es aus eigenem Willen, dann kam jedoch unerwartet eine neue Kraft ins Spiel, die die weitere Umdrehung veranlasste, steht doch: «Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. – Brücke dreht sich um!» Hier macht Kafka einen Unterschied zwischen Brücke und Brücke, was sich damit erklärt, dass eine neue Kraft wirkte, die ihn dann auch stürzen liess. Die Brücke ist für Kafka kein fest verankertes Bauwerk, wie auch nicht Goethes. Den Plagegeist bekam die Brücke indes nicht zu sehen, wie sich psychologische Erkenntnisse auch erst im Laufe des Prozesses herausschälen.
Mit der Erwähnung von Forellen im Wort Forellenbach, wird das Genital gemeint sein. Ein Fisch, der die entfremdete Situation der Libido schildert, ist auch in «Der Heizer» aufgeführt. Der Schiffsheizer, der die Libido verkörpert, die bekannt dafür ist, auch mal tüchtig einzuheizen, untersteht dem Vorgesetzten Schubal. Dieser verdonnerte den aufmüpfigen Heizer dazu, Toiletten zu reinigen, anstatt im Heizraum den Dampfkessel eines Ozeandampfers einzuheizen. Dies schildert den unreifen, in der vorgenitalen Zeit stecken gebliebenen Zustand des Heizers. Die Situation beherrschte daher Schubal, der gemäss seines Namens des Orgasmusreflex verlustig ist und der nun als abstoßender Al willentlich geschoben werden muss. (((Wie bei anderen Namen)))
Nach dem Sturz der Brücke in das rasende Wasser des Bachs, wurde die Brücke zur Person, schreibt doch Kafka: «ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.» Der Bach veranschaulicht die heftig strömende Libido, die sich jetzt an chronischen Verspannungen, die die spitzen Kiesel veranschaulichen, schmerzend stösst. Zwar hatten sie vordem die Brücke «immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt» – wobei mit dem Starren eine Drohung gemeint sein wird, die dann nach dem Fall auf die Kiesel ausgeführt wurde. Vorgängig hatten die Kiesel als Widerstände die Brücke jedoch vor Leiden geschützt. Im reissenden Wasser fiel der Schutz jedoch dahin. Entsprechend dem anfänglichen Schutz der Kiesel sagt Reich:
In anderen Fällen wieder hat sich der Charakter
als eine feste Schutzmauer gegen das Erlebnis
der Angst aufgerichtet und in dieser Funktion,
wenn auch unter Einbusse an Lebensfreude, bewährt.
Wilhelm Reich/Charakteranalyse
Gestochen von den spitzen Kieseln, fragt er sich, wer oder was da war: «Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter?» Bestimmt nicht unbedacht fragte er als Erstes, ob es ein Kind war, haben doch die meisten Verdrängungen ihre Ursache in der frühen Kindheit. Und diese bilden dann wirre Träume und krankhafte Prägungen, was die erwähnten, fehlgeleiteten Personen veranschaulichen.
Am Schluss der Erzählung «Das Urteil» berichtet Kafka ebenfalls von einer Brücke. Da wurden Gregor von seinem kurz davor noch bettlägerigen, hilflosen Vater, den er gepflegt hatte, sich dann aber unerwartet im Bett aufrichtete, grobe Anschuldigungen entgegengeworfen. Kafka wird damit ins Bewusstsein dringende Verletzungen durch die einst fordernde Art von Gregors Vater schildern – wie auch die seines eigenen, dem er bekanntlich wie Gregor in der Erzählung auch nicht entsprechen konnte. Nachdem der Vater seinen Sohn «zum Tode des Ertrinkens!» verurteilt hatte, floh er, dem Urteil des Vaters nachkommend:
Aus dem Tor sprang er, über die Fahrbahn zum Wasser trieb es ihn. Schon hielt er das Geländer fest, wie ein Hungriger die Nahrung. Er schwang sich über, als der ausgezeichnete Turner, der er in seinen Jugendjahren zum Stolz seiner Eltern gewesen war. Noch hielt er sich mit schwächer werdenden Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: »Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt«, und ließ sich hinfallen.
In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.
Franz Kafka/Das Urteil
Das Geländer, das Gregor anfangs festhielt, «wie ein Hungriger die Nahrung», erinnert an ein Gefängnisgitter, von dem er schwer lassen konnte, wie man auch an seinem Charakter festhält. Davon zu lassen weckt Ängste, die oft als Todesängste missverstanden werden. Als ausgezeichneter Turner, der er «zum Stolz seiner Eltern gewesen war», löste er jedoch mutig den festen Griff und wagte den Sprung über das Geländer. Zugleich begriff er, dass er von seinen Eltern nicht wirklich geliebt wurde, sondern nur für hervorragende Leistungen ihr Lob erntete. Die entbehrte Liebe liess ihn leise rufen: «Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt.»
Damit, dass schon ein einzelner Autobus den Fall Gregors ins Wasser übertönen würde, bahnte sich das Drama verhältnismässig bescheiden an. Sein Fall wäre von wenig Lärm und Trubel begleitet worden. Als er sich dann in den Fluss fallen liess, verschwanden die Geländerstangen, respektive das Gitter, aus seinem Gesichtskreis. Damit hatte er sich zwar aus seiner Gefangenschaft befreit, wurde jedoch sogleich mit Neuem konfrontiert, dem plötzlich eintretenden, «geradezu unendlichen» Verkehr. Dieser wird dem rasenden Wasser in «Die Brücke» entsprechen. Ein realer Verkehr dieses Ausmaßes würde kaum augenblicklich einsetzen. Er wird also ein unter dem Sichtbaren gesuchtes Bild für inneres Geschehen sein und auch ein heftiges Durchströmen des Körpers darstellen. Robert Musil beschreibt diesen Sturm bildstark. (((unter seinen Füßen)))
Brücken werden für verschiedene Übergänge des Prozesses angeführt, häufig auch für die Bewältigung der Widerstände in Nacken und Kehle, sind da doch Körper und Kopf auch mal hartnäckig getrennt. Der alte Rammler Henry Miller gibt uns in der Erzählung «Ein Samstagnachmittag» ein Beispiel, wo diese Brücke körperlich zu orten ist:
Die Anfahrt zur Brücke ist mit Kieseln gepflastert. Ich fahre so langsam, dass jeder Kiesel für sich eine besondere Botschaft zu meiner Wirbelsäule entsendet und durch die Wirbel hindurch zu dem zerbrechlichen Käfig, in dem die Medulla Oblongata ihre Signale aufblitzen lässt.
Henry Miller/Sämtliche Erzählungen/Ein Samstagnachmittag/Rowohlt/ S. 40
Die Medulla Oblongata befindet sich am oberen Ende der Wirbelsäule. In Deutsch wird sie Brücke genannt. Ich werde jedoch nicht herauszufinden versuchen, ob Brücken nicht schon vor der Kenntnis der Medulla als Symbol der Überwindung von Hindernissen im Nacken genutzt wurden.
Fraglos lernt Miller auch durch sein ausschweifendes Leben. Vielleicht ist er deshalb einer der wenigen Künstler, die den Prozess am eigenen Leib erfahren und ihr Leben trotzdem zufrieden abschliessen. Er kann uns als lebendes Argument gelten, dass diese transformierenden Erlebnisse nicht einzig als Eintrittsgeld, aufbewahrt im gegerbten Hodensack, zu einer vorteilhaften Fahrt in ein Jenseits – oder als Zollgeld zu einer vorteilhaften Wiedergeburt aufzusparen sind.
Wilhelm Reich schuf das therapeutische Fundament und setzte die ersten Steine zum Verständnis des hier besprochenen Prozesses. Aber seiner persönlichen Verfolgung folgt heute, dass seine Arbeiten, wie auch die seiner Nachfolger, von der Literaturwissenschaft mehrheitlich übergangen, verschwiegen oder gar verleumdet werden. Seine Erkenntnisse finden kaum Eingang in die Literaturwissenschaft und Interpretationen. Dabei hat Reichs Psychologie verifizierte Resultate vorzuweisen – wie den Orgasmusreflex – und bei fortschreitender Therapie nachweislich erhöhte Bioenergien, die teils heftige unwillkürliche Reflexe auslösen, wovon die hier besprochenen Dichter erzählen.
Trotz meist nichtssagender oder falscher Auslegungen von Kafka-Interpreten tat ich mich schwer damit, wörtlich zu zitieren und Namen zu nennen, entschied mich schließlich aber dafür, weil mir mehrere Bücher, wie auch das sogleich besprochene von Dr. Elisabeth Lack, anstelle von Argumenten in die Hand gedrückt wurden. Damit wollte man mir klarmachen, dass verschiedene, relativ viele Interpretationen möglich sind.
So meint Dr. Elisabeth Lack in ihrer Dissertation «Kafkas bewegte Körper» zu den von ihm beschriebenen Körperbewegungen:
In Kafkas Texten gibt es keine Festlegungen des Körpers, keine Kartographien, keinen gestischen Code als ein entzifferbares Verweissystem. Die Körperbewegungen sind essentiell mehrdeutig und erschweren als solche Kommunikation eher, als sie zu befördern. In «Ein altes Blatt» wird dieses ins Leerlaufen der Gesten am extremen Beispiel der in die Hauptstadt eingedrungenen Nomaden zugespitzt.
Kafkas bewegte Körper/Dr. Elisabeth Lack/Wilhelm Fink Verlag/S. 18
Der von Dr. Lack zitierte Abschnitt aus «Ein altes Blatt» lautet:
Oft machen sie Grimassen; dann dreht sich das Weiss ihrer Augen und Schaum schwillt aus ihrem Munde, doch wollen sie damit weder etwas sagen noch erschrecken; sie tun es, weil es so ihre Art ist.
Kafkas bewegte Körper/Dr. Elisabeth Lack/Wilhelm Fink Verlag, S. 18
Die Antwort finden wir bei Wilhelm Reich, der seine Klienten zur Initiation des Prozesses Gesichtsmuskeln bewusst manipulieren lässt. Schaut man also bei ihm vorbei, findet sich ein gestischer Code als entzifferbares Verweissystem oder, unter uns einfacher gesagt, eine Erklärung.
Ließ Kafka seine Gesichtsmuskeln willentlich zucken, um seinen Niedergang einzuleiten, schnitt er höchstwahrscheinlich auch Grimassen, rollte seine Augen, riss sie wie in großer Angst weit auf, ließ seine Lippen zittern und zucken und geiferte höchstwahrscheinlich dabei. Und so endet auch die Fabel, übereinstimmend mit Kafkas Niedergang, dass der Erzähler zum Schluss sagt:
... und wir gehen daran zugrunde.
Franz Kafka/Erzählungen/Ein altes Blatt
Die Nomaden verkörpern unsere durch die Zivilisation noch unverdorbene erste Natur, die zivilisierten Städtern unerbittlich zusetzt, wenn man sie aus der Verdrängung hervorholt. (((uns jetzt erzieht))) Also kein Leerlaufen der Gesten, sondern lehrreiche Bilder therapeutischer Möglichkeiten.
Das Leben in einer Stadt verlangt zahlreiche Kompromisse. Das soziale Gefüge der Nomaden, unserer Vorfahren, war noch lockerer. Zwar kannten auch sie schon Regeln, aber an diese hatten sie sich über lange Zeit der Evolution weitgehend angepasst. Als Menschen im beginnenden Neolithikum sesshaft wurden und Städte gründeten, hatten sie sich zwecks eines friedlichen Zusammenlebens unter enger werdenden Verhältnissen mehr und mehr Gesetze zu geben. Gute Miene zu immer böserem Spiel zu machen, wurde immer aufwendiger. Chronische Verspannungen verhärteten sich zunehmend und die aufgesetzten Masken saßen bald dauerhaft fest. Um uns davon zu befreien, zur alten Freiheit zurückzufinden, zum Nomaden in uns, haben wir unterdrückte Gefühle freizusetzen. Um dies zu erreichen, rollt der Nomade in uns seine Augen und schneidet Grimassen – wie wir es doch morgens ansatzweise auch mal vor dem Spiegel tun, wenn wir mit verspanntem Gesicht erwachen und uns für einen Stadtgang bereit machen. Spüren wir dabei verdrängten Gefühlen nach, den Ursachen dieser Verspannungen, können sie ins Bewusstsein gelangen. Damit fortgefahren, werden sich noch weitere unwillkürliche Bewegungen einstellen, was noch mehr «bewegte Körper» verständlich machen wird. Die von ihm beschriebenen «Körperbewegungen» machen sein Werk erst verständlich!
Dass Kafka seinen Niedergang, den Prozess, durch Manipulationen im Gesicht bewusst initiierte, ist bahnbrechend!
Die ersten Grundzüge unserer Masken werden schon in frühester Kindheit skizziert, lange bevor wir irgendwelche eigenen Entscheidungen treffen können. Bestenfalls wird es eine freundlich besonnene sein, mit der wertvollen, obwohl etwas durchsichtigen Eigenschaft, falls es nützt, augenblicklich ein Lächeln aufsetzen zu können – das dann leider meist erlischt, sobald es nicht mehr dient. Darunter wird man auf Angst, Wut, Hass, perverse Gelüste und Melancholie stoßen, als Folge davon, dass uns unsere Natur verwehrt wird.
Die Charakteranalytische-Vegetotherapie greift da ein, wo Verdrängtes gebunden ist, bei chronischen muskulären Verspannungen. Diese gilt es aufzuspüren, um zu blockierten Gefühlen durchzudringen. Die Lockerung dieser Verspannungen setzt vegetative Energie frei, was oft heftige, unwillkürliche Bewegungen zur Folge hat. Wie wir sehen werden, schreibt sogar die christliche Mystikerin Teresa von Ávila in «Die innere Burg», dass Mitnonnen diese unwillkürlichen Bewegungen auf ihrem Weg zur «Gnade» erlebten.
Ein Ziel der Vegetotherapie ist, den Orgasmus vollumfänglich zu erleben. Dazu sind die zugehörigen unwillkürlichen Reflexe zu befreien. Die Libido – oder Sexualenergie – wird durch diese Reflexe abgeführt. Sind diese jedoch durch chronische Verspannungen verhindert, staut sich die Libido, wodurch psychische Störungen aufrechterhalten werden.
Ein voll erlebter Orgasmus bezieht den ganzen Menschen mit ein, was durch jede Neurose mehr oder weniger verhindert wird. Der Orgasmusreflex kann also durchaus als Maßstab für unsere psychische Gesundheit herangezogen werden. Wir sind als Ganzes zu begreifen, und ist auch nur ein einzelnes Rad im Räderwerk defekt, wird nichts mehr fehlerfrei funktionieren, auch nicht Denken und Handeln, was durch unseren Umgang mit unserem einzigen Planeten immer ersichtlicher wird. Erst die befreite Libido ermöglicht gesundes Denken und Handeln, wie uns Nietzsche weiter unten noch zu verstehen gibt. Nur sie wird uns von Vorurteilen und bewussten sowie unbewussten, unstillbaren Wünschen befreien.
«Die können tanzen, wir aber haben denken gelernt», sagte mir mal eine Intellektuelle, als wir Lambada-Tänzern zuschauten. Aber vielleicht lernen wir ja erst richtig zu denken, wenn der Orgasmusreflex zugelassen werden kann, also keine neurotischen Störungen unsere körperlichen und damit geistigen Tätigkeiten mitbestimmen.
Dass der Prozess kaum anders beginnen wird, als dass wir uns zuerst die Masken vom Gesicht reißen, liest sich auch in «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» von Rainer Maria Rilke. Schon auf der dritten Textseite ist Aufschlussreiches über Gesichter gesagt. Da meint der Protagonist Malte, sehen zu lernen, und sieht, dass es eine Menge Menschen gibt, aber noch viel mehr Gesichter verschiedenster Art und verschieden getragen. Einfachen Leuten soll eines für ihr ganzes Leben reichen, andere wechseln sie häufiger und teils geschwind. Und eine Frau erschrak – hob sich aus sich ab, zu schnell, zu heftig, sodass ihr Gesicht in ihren Händen zurückblieb. Eine hohle Form – eine Maske also, vor der sich der Protagonist graute, sie von innen zu erblicken. Noch mehr fürchtete er, den gesichtslosen Kopf zu sehen. Offensichtlich kann es sich dabei nicht um ein blutig abgerissenes Gesicht handeln. Man kann sich sein Gesicht nicht in dieser Weise wegreißen. Rilke spricht von aufgesetzten Masken. Das Grauen wird auch nicht einem blutigen, gesichtslosen Kopf gelten, sondern dem, was unter der Maske verborgen war.
Rilke gibt uns in folgendem Zitat den wertvollen Tipp, wie Erzählungen des großen Dichters, oder der großen Dichter, auch mal zu verstehen sind. Man wird sich also, wenn äußere Geschehnisse erzählt werden, jeweils die Frage stellen müssen, ob damit vielleicht innere Erlebnisse dargestellt sind:
So wie du warst, auf das Zeigen angelegt, ein zeitlos tragischer Dichter, musstest du dieses Kapillare mit einem Schlag umsetzen in die überzeugendsten Gebärden, in die vorhandensten Dinge. Da gingst du an die beispiellose Gewalttat deines Werkes, das immer ungeduldiger, immer verzweifelter unter dem Sichtbaren nach den Äquivalenten suchte für das innen Geschehene. Da war ein Kaninchen, ein Bodenraum, ein Saal. In dem einer auf und nieder geht: da war ein Glasklirren im Nebenzimmer, ein Brand vor den Fenstern, da war die Sonne. Da war eine Kirche und ein Felsental, das einer Kirche glich. Aber das reichte nicht aus; schliesslich mussten die Türme herein und die ganzen Gebirge, und die Lawinen, die die Landschaften begraben, verschütteten die mit Greifbarem überladene Bühne um des Unfasslichen willen.
Rilke/Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Leicht verständlich ist das bestimmt nicht zufällig an erster Stelle erwähnte Beispiel – ein Kaninchen! Jeder weiß von Kaninchen – sie werden mit der auch uns beliebten und häufig besprochenen, erzählten und besungenen Tätigkeit in Verbindung gebracht. Sie rammeln gern. Und wer stellt sich dazu nicht ihren Zweitakt vor, den Rilke folgendermaßen beschreibt:
Der Wille war an zwei Stellen durchbrochen, und das Nachgeben hatte in den besessenen Muskeln einen leisen, lockenden Reiz zurückgelassen und den zwingenden Zweitakt. Aber der Stock war noch an seinem Platz, und die Hände sahen böse und zornig aus; so betraten wir die Brücke, und es ging. Es ging. Nun kam etwas Unsicheres in den Gang, nun lief er zwei Schritte, und nun stand er. Stand. Die linke Hand löste sich leise vom Stock ab und hob sich so langsam empor, daß ich sie vor der Luft zittern sah; er schob den Hut ein wenig zurück und strich sich über die Stirn. Er wandte ein wenig den Kopf, und sein Blick schwankte über Himmel, Häuser und Wasser hin, ohne zu fassen, und dann gab er nach. Der Stock war fort, er spannte die Arme aus, als ob er auffliegen wollte, und es brach aus ihm aus wie eine Naturkraft und bog ihn vor und riß ihn zurück und ließ ihn nicken und neigen und schleuderte Tanzkraft aus ihm heraus unter die Menge. Denn schon waren viele Leute um ihn, und ich sah ihn nicht mehr.
Rainer Maria Rilke/Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Ein zwingender Zweitakt, der nach vorn biegt und zurückreißt – der aber, was nicht überlesen werden sollte, auch eine Art Tanz ist – und obendrein verursacht durch eine Naturkraft! Damit kann nur der von Wilhelm Reich so benannte Orgasmusreflex gemeint sein. Vielleicht werden ja diese Zeilen nur dem verständlich, den es auch im Zweitakt vorbiegt und zurückreißt. Man wird sich dann nicht mehr vorstellen, dass Rilke von einem beobachteten Epilepsieanfall erzählt, wie ich es einzig interpretiert fand. Bekannt ist doch, dass Epileptiker dabei meist zu Boden stürzen und hilflos zappelnd liegen bleiben. Soll Rilke davon taktlos von einem Tanz sprechen? Dann ist auch schwer vorstellbar, dass Epileptiker während eines Anfalls aufstehen, um der Literaturwissenschaft gefällig, den Anfall vorzutanzen.
In «Forschungen eines Hundes» von Franz Kafka kommt am Ende der Fabel ein Hund vor, offensichtlich noch unverbildet, der von sich sagt, er sei Jäger. Es wird also aufschlussreich sein, sich in ursprünglichen Kulturen umzusehen, ist doch zu erwarten, dass Naturvölker sich noch weniger entfremdet sind.
Im Buch «Kundalini-Erfahrung und die neuen Wissenschaften» von Lee Sannella gibt es einen interessanten Bericht über das Volk der !Kung San. (Das Ausrufezeichen steht für einen Klicklaut.) Die San lebten, wobei sich heute leider viele als Folge der Bereicherung durch unsere Kultur oft besaufen, in der unwirtlichen Kalahari-Wüste, nordwestlich von Botswana. Einige wenige der Pygmäen leben allerdings wieder in den Wäldern des Nyae-Nyae-Reservats. In Sannellas Buch ist zu lesen:
Der amerikanische Anthropologe Richard Katz (1973) hat uns einen sehr interessanten Bericht über die mystischen Praktiken dieses Volkes geliefert. Er beschreibt, dass die Kung viele Stunden lang tanzen, um N/UM aufzuheizen und dadurch den Kia-Zustand zu erreichen. N/UM entspricht nach Katz der Kundalini ... Ein Kung, der in die Geheimnisse von N/UM eingeweiht worden ist, lernt diese Kraft zu wecken und die unvermeidliche Furcht zu bezwingen, die er angesichts der ungeheuer starken inneren Kraft erfährt, welche sein Selbstgefühl zu verfinstern droht. ... Wird die Kraft erwärmt, so steigt sie von der Wirbelsäule zum Schädeldach auf ... Katz gibt den Bericht eines Stammesangehörigen wieder: Du tanzt, tanzt, tanzt und tanzt. N/UM hebt dich in deinen Bauch und hebt dich in deinen Rücken, und dann fängst du an zu beben. N/UM lässt dich zittern; es ist heiss ... Dann dringt N/UM in alle Teile deines Körpers ein, bis zu den Zehenspitzen, sogar bis in die Haare ... Über die Hälfte der Mitglieder des Kungstammes vermag in den Kia-Zustand einzutreten ...
Lee Sannella/Kundalini-Erfahrung und die neuen Wissenschaften/Synthesis Verlag/S. 34–35
In ihrem Buch «Nisa erzählt» schreibt die amerikanische Ethnologin Marjorie Shostak:
Wenn Frauen in Trance fallen, zeigt sich das etwas anders als bei den Männern. Die Frau steht auf der Stelle, während ihr Körper von Kopf bis Fuss in heftige Schwingungen gerät – insbesondere in der unteren Körperhälfte. Erfahrene Frauen können diese Bewegung lange Zeit aufrechterhalten; weniger erfahrene werden oft überwältigt, fürchten sich und setzen sich auf den Boden, um sich zu beruhigen.
Marjorie Shostak/Nisa erzählt/rororo 23050/S. 269
Das Schwingen der Frauen erinnert zweifellos an den Orgasmusreflex. Es dürfte also klar sein, dass die den Rücken hochfließende und sich im Körper ausbreitende Libido-Energie und der Orgasmusreflex untrennbar sind. Die geweckte Bioenergie verursacht den Reflex. Daher werden die beiden Erfahrungen der Initiation, der Reflex und die Weckung der heftig strömenden Bioenergie, in der Literatur jeweils gleichzeitig oder sich kurz folgend erzählt.
Kapitel 3
Die Sieben tttt
Und in sieben Teile zerlegt er alles Gebratene:
einen legt er den Nymphen, und Hermes, dem Sohn der Maia,
betend den anderen hin; die übrigen reicht er den Männern.
Aber Odysseus verehrt’ er den unzerschnittenen Rücken.
Homer/Odyssee/Übersetzung Voss/Zeilen 434–437
Andere Übersetzer, bei denen ich nachsah, haben nichts dem unverschnittenen Rücken Ähnliches übersetzt. Dies wird Homer jedoch erwähnt haben, weil Odysseus heil nach Hause auf seine Heimatinsel Ithaka fand und sein Rücken trotz der Strapazen der Odyssee, gesund und heil blieb. Seine Fahrt wird ihm sicher den Rücken gestärkt haben, sodass er fähig wurde, die letzten Hürden zu nehmen. Den anderen Übersetzern wird der Schweinehirt etwas ungeschliffen vorgekommen sein, wird doch ein guter Gastgeber die Mühe nicht scheuen, den Rücken in kleinere Teile zu zerlegen.
Die Zahl Sieben ist in europäischen Märchen und Mythen, wie auch in der Literatur, immer wieder erwähnt. Zählt man zum Beispiel bei Hans im Glück die Dinge, von denen er sich befreite, bevor er glücklich zurück nach Hause zur Mutter fand, also von Goldklumpen, Pferd, Kuh, Schwein, Gans, und als letztem von zwei Steinen, die in einen Brunnenschacht plumpsten, ergibt das die Sieben. Den Goldklumpen erhielt er zudem als Lohn für sieben Jahre treuen Knechtsdienst. In den Märchen «Der Wolf und die sieben jungen Geisslein» sowie «Schneewittchen und die sieben Zwerge» ist die Sieben schon in den Titeln erwähnt.
Nun gibt sich hin und wieder mal einer die Mühe, uns die Sieben zu erklären. So las ich einem Buch von Professor Iring Fetscher, der die Zahl Sieben bei Schneewittchen damit erklärt, dass sie mit dem deutschen Siebengebirge zu tun hätte. Dahinter soll sich das Märchen der Überlieferung nach abgespielt haben. Aber interpretiert Fetscher vielleicht als Ursache, was ein dichterisches Mittel ist, um einen schwer belasteten Sachverhalt zu beschreiben – der schwer wie Berge auf den Sieben lag? In Fetschers Buch ist außerdem das Märchen «Der Wolf und die sieben jungen Geisslein» besprochen. Da übergeht der Autor leider die Sieben. Vermutlich wollte er dieses Märchen, wie auch die vielen anderen, in denen ebenfalls von den Sieben die Rede ist, wegen allzu großen Gedränges nicht auch noch hinter dem Siebengebirge ansiedeln.
Zu besserem Wissen erfahren wir von Nietzsche, worum es sich bei den Sieben handelt. Sieben Teufel waren es, die ihm schwer zusetzen und deren Aufenthaltsort er uns auch verrät:
Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an dir selber führt dein Weg vorbei und an deinen sieben Teufeln!
Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir schaffen aus deinen sieben Teufeln!
Friedrich Nietzsche/Also sprach Zarathustra
Nach Nietzsche finden sich die Sieben also in uns! Und der Gott, der aus diesen sieben Teufeln geschaffen werden soll, wird Dionysos mit dem von zwei Schlangen umwundenen Thyrsos sein. Die Sieben zu verstehen, gibt uns Nietzsche noch weitere Hinweise. Zählen wir die Chakren von unten nach oben, ist das siebte der Scheitel. Von Zarathustra erzählt er:
Sechs Einsamkeiten kennt er schon –, aber das Meer selbst war nicht genug ihm einsam, die Insel liess ihn steigen, auf dem Berg wurde er zur Flamme, nach einer siebenten Einsamkeit wirft er suchend jetzt die Angel über sein Haupt.
Friedrich Nietzsche/Das Feuerzeichen
Was Zarathustra über seinem Haupt zu angeln versuchte, wird durch das nächste Zitat verständlicher. Die Kritik an «Erlösern» soll uns hier jedoch nicht weiter beschäftigen. Interessant für uns ist, dass die Sieben mit Erkenntnis zu tun hat:
Wahrlich, ihre Erlöser selber kamen nicht aus der Freiheit und der Freiheit siebentem Himmel! Wahrlich, sie selber wandelten niemals auf den Teppichen der Erkenntniss!
Friedrich Nietzsche/Also sprach Zarathustra
Im vorletzten Zitat ist zu lesen, dass Nietzsche sich mit eigenen sieben Teufeln herumschlägt. Weiter schreibt er, die Angel über seinem Haupt «nach einer siebenten Einsamkeit» zu werfen und von der Freiheit eines siebten Himmels. Das lässt folgern, dass es sich um das siebte Segment, um den Scheitel handelt. Demzufolge kann abgeleitet werden, dass er mit den sieben Teufeln die durch sie belasteten sieben Segmente meint. Dichtet er: «Und an dir selber führt dein Weg vorbei und an deinen sieben Teufeln!», ist zutreffend, dass der Weg an uns vorbeiführt, sind sie uns doch nicht wesenhaft zugehörig, sondern anerzogene Fehlgänge. Und wagt man, diesen Teufeln zu begegnen, ist man auf dem Weg zu sich selber. Deshalb meint Nietzsche: «Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber!» Die sieben Teufel werden also Verwüstungen in den sieben Segmenten entsprechen. Ist aber dieser siebte Himmel tatsächlich über unseren Köpfen zu angeln? Jedenfalls fühlt es sich auch mal an, als ob eine Lebenskraft aus dem Scheitel strömte. Jedoch gewiss ist, dass es Vorgänge in unserem Hirn sind, vor allem im Scheitellappen und Stammhirn, und mit psychologischen Erkenntnissen zu tun haben; damit, dass diese Teufel zu überwinden sind und wie das getan werden kann.
Das wird Giorgio Colli nicht verstehen, der im Nachwort meiner alten dtv-Ausgabe zu «Also sprach Zarathustra» schreibt:
Es ist müssig, in diesem Buch nach der Grundlage einer «Theorie» des Übermenschen … zu suchen, erstens schon deshalb, weil es keine Theorie gibt, die völlig auf eine deduktive Rechtfertigung – die hier völlig fehlt – verzichten könnte ...
Friedrich Nietzsche/Also sprach Zarathustra
Anscheinend aber gibt es diese Theorie. Und ob Nietzsche in seiner Dichtung den Übermenschen deduktiv zu rechtfertigen hat, darf auch hinterfragt werden. Sein Unverständnis wird Colli mit vielen Interpreten teilen, wäre doch andernfalls dieser Kommentar vom Verlag nicht gedruckt worden.
E. T. A. Hoffmann überrascht in dem Märchen «Klein Zaches genannt Zinnober» (erste Herausgabe 1819). Darin gibt er einen Fingerzeig, wovon sein Werk handelt und was auch andere große Dichter uns erzählen. Die Sieben ist zwar nur kurz durch die Anwesenheit von sieben Kammerherren erwähnt, die Beweise für Klein Zaches Diagnose vom Arzt verlangten. Klein Zaches war ein hässlicher, verdorbener Idiot, reüssierte aber dank eines Zaubers in kurzer Zeit zum einflussreichen Politiker. Er hinterließ den Eindruck der Makellosigkeit und erwarb sich für seine politische Tätigkeit Knöpfe als Auszeichnungen. Zu seinem frühen Tod meinte der Arzt, der gegen sein übles Wirken ankämpfte, dass er keine physische, sondern eine:
unermesslich tiefe psychische Ursache.
E. T. A. Hoffmann/Klein Zaches genannt Zinnober
hatte. Es sollen durch die mit Knöpfen gespickte Jacke, die ihm, anstelle von Orden, für seine politischen Leistungen geschenkt wurden, Ganglien in ihrer Funktion schmerzhaft gehindert worden sein, was zu seinem Tod führte. Der Arzt erklärte:
... vorzüglich aber die Köpfe auf dem Rücken, wirkten nachteilig auf die Ganglien des Rückgrats. Zu gleicher Zeit verursachte der Ordensstern einen Druck auf jenes knotige fadichte Ding zwischen dem Dreifuss und der oberen Gekröspulsader, das wir das Sonnengeflecht nennen, und das in dem labyrinthischen Gewebe der Nervengeflechte prädominiert ... Ist aber nicht die freie Leitung des Zerebralsystems die Bedingung des Bewusstseins, der Persönlichkeit, als Ausdruck der vollkommensten Vereinigung des Ganzen in einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozess die Tätigkeit in beiden Sphären, in dem Ganglien- und Zerebralsystem? – Nun! genug, jener Angriff störte die Funktionen des psychischen Organismus. Erst kamen finstere Ideen von unerkannten Aufopferungen für den Staat durch das schmerzhafte Tragen jenes Ordens usw., immer verfänglicher wurde der Zustand, bis gänzliche Disharmonie des Ganglien- und Zerebralsystems endlich gänzliches Aufhören des Bewusstseins, gänzliches Aufgeben der Persönlichkeit herbeiführte.
E. T. A. Hoffmann/Klein Zaches genannt Zinnober
Auch Hoffmann wusste also schon vor Reich, was zu falschem Denken, Verhalten und abgestumpftem Fühlen führt – Druck auf unsere Ganglien und das Sonnengeflecht, in Realität freilich durch chronische Verspannungen und nicht durch Knöpfe. Damit wird sich eines Tages auch die Neurologie vermehrt auseinanderzusetzen haben, denn freie Leitungen des Zerebralsystems sind Voraussetzung für das zuverlässige Funktionieren unserer Dachkammer. Die Funktionen dieser «Leitungen» wiederherzustellen, würde unser Denken bestimmt zu unserem Vorteil ändern.
Der Krüppel Klein Zaches verlor letzten Endes seine ihm verliehene Täuschungsfähigkeit, schön, wohlgestaltet und hochbegabt zu sein. Er wurde nun als das ihm innewohnende Wesen gesehen – ein Krüppel, den Täuschung und Maske in Windeseile die politischen Sprossen hochklettern ließen. Womöglich fördern ja eingeschränkte Funktionen der Ganglien und des Zerebralnervensystems politischen Erfolg.
Der zitierte Arzt, der den Kampf gegen Klein Zaches’ falsche Machenschaften erfolgreich zum Sieg führte, reiste darauf nach Indien – womit auch Hoffmann auf ein indisches Wissen als Herkunftsland anspielt!
Wir sollten uns also von der Vorstellung lösen, dass Dichter die Zahl Sieben zwar immer wieder erwähnen, dabei jedoch nichts Bestimmtes im Sinn haben. Sie tun es nicht, weil sich die Sieben wunderbar zum Dichten eignet, eine Primzahl ist, wir höchstens sieben Dinge mit dem Blick gleichzeitig erfassen können oder weil andere große Dichter sie auch schon benutzten. Diese Dichter sind groß und werden von anderen großen Dichtern dafür geschätzt, dass sie von tiefen Erlebnissen erzählen und den sieben Teufeln in sich mutig gegenübertreten! Sich darauf einzulassen, bringt Schrecken, die uns auch mal nur noch das Bewusstsein eines in böigem Entsetzen wirbelnden Laubblattes lassen.
Kapitel 4
Charaktereigenschaften werden durch Personen dargestellt
Und auch Orten geben Dichter mal symbolische Bedeutung. tttt
In der modernen Literatur, wie auch Freud bemerkt, werden Charaktereigenschaften einer Person oft in verschiedenen Personen dargestellt. Einfach gesagt: Wird eine Person das Gute, eine andere kriegerische Rücksichtslosigkeit und Habgier der einen Person verkörpern. Dazu dienen in Märchen auch Tiere, Fabelwesen und Unholde. Moderne Dichter folgen also uraltem Usus der Märchen, Mythologien und Religionen.
Bei Kafka ist die Personifizierung oft schon durch die Wahl der Namen erkenntlich. So nennt er den für K. zuständigen Schlossbeamten in «Das Schloss», in diesem Sinne Klamm. Dieser Name charakterisiert die Personifizierung psychosomatischer Widerstände, liest man doch im Duden zum Wort „klamm“ Begriffe wie «frostklamm», «gefroren», «starr» und «steif». Dementsprechend beschreibt Kafka Empfindungen von K.s Geliebter Frieda, als sie noch Klamms Geliebte war:
Nun, nicht nur du warst mir gleichgültig, fast alles, fast alles war mir gleichgültig. Ich war ja auch damals mit vielem unzufrieden, und manches ärgerte mich, aber was war das für eine Unzufriedenheit und was für ein Ärger! Es beleidigte mich zum Beispiel einer der Gäste im Ausschank, sie waren ja immer hinter mir her – du hast die Burschen dort gesehen, es kamen aber noch viel ärgere, Klamms Dienerschaft war nicht die ärgste -, also einer beleidigte mich, was bedeutete mir das? Es war mir, als sei es vor vielen Jahren geschehen oder als sei es gar nicht mir geschehen oder als hätte ich es nur erzählen hören oder als hätte ich selbst es schon vergessen. Aber ich kann es nicht beschreiben, ich kann es mir nicht einmal mehr vorstellen, so hat sich alles geändert, seitdem Klamm mich verlassen hat.«
Franz Kafka/Das Schloss
Auch die Namen von Orten bezeichnen auch mal ihre Bedeutung. So nennt Kafka im «Schloss» ein Gasthaus «Brückenhof». Dieses steht sinnbildlich für das Bauchsegment, wird in einem Gasthof doch gefuttert. Zugleich enthält der Name auch das Wort «Brücke». Von solchen wird in der Literatur auch mal geschrieben, wenn bisher gebundene Energien befreit und damit der Prozess in andere Wege geleitet wird.
So versuchte K. vom «Brückenhof» her ins Schloss mit Turm und zum Grafen zu gelangen. Vom Turm schreibt Kafka:
Der Turm hier oben – es war der einzig sichtbare – der Turm eines Wohnhauses, wie es sich jetzt zeigte, vielleicht des Hauptschlosses, war ein einförmiger Rundbau, zum Teil gnädig von Efeu verdeckt, mit kleinen Fenstern, die jetzt in der Sonne aufstrahlten – etwas Irrsinniges hatte das –, und einem söllerartigen Abschluss, dessen Mauerzinnen unsicher, unregelmässig, brüchig, wie von ängstlicher oder nachlässiger Kinderhand gezeichnet, sich in den blauen Himmel zackten. Es war, wie wenn ein trübseliger Hausbewohner, der gerechterweise im entlegensten Zimmer des Hauses sich hätte eingesperrt halten sollen, das Dach durchbrochen und sich erhoben hätte, um sich der Welt zu zeigen.
Franz Kafka/Das Schloss
Also Hosen zugeknöpft! – War doch auch dieser Turm «zum Teil gnädig von Efeu verdeckt», wie sich doch auch Adam und Eva nach dem Sündenfall vor Scham ihre Genitalien mit Grünzeug bedeckten. (Unten sind noch Beispiele der Personifizierung von Charaktereigenschaften aufgeführt.)
Kapitel 5
Erlebnisbericht tttt
Da ich in letzter Zeit oft unter Ängsten und starker Nervosität litt, fing ich an, mich in der psychologischen Literatur umzusehen. Längere Zeit blieb ich nutzlos bei Freud hängen. Jung und Adler gegenüber war ich bald skeptisch. Wilhelm Reich überzeugte mich dann auf Anhieb.
Als ich mir eines Tages in der Badewanne einen herunterholte, wurde ich staunend von einem herrlichen Licht überflutet. Zwar erlebte ich dieses nicht das erste Mal, aber jetzt wusste ich: Die Zeit war für mich gekommen, mich im Selbstversuch auf die Reich’sche Therapie einzulassen. Ich richtete mich in einer kleinen, abgelegenen Berghütte ein, lag nun öfter im Bett und konzentrierte mich hauptsächlich darauf, meine Ängste zuzulassen. Ängste sind ja die Ursache von Verdrängungen, war mir klar geworden. Angst und Grauen liessen mich dann bald zittern und sabbern. Meine Augen flatterten, hart gespannt, in weiten, schreckvollen Höhlen. Furcht überfiel mich zuerst in Form grauenvoller Bilder; bald blieb nur noch die nackte Angst. Dann überrollten mich Hass und Wut, fuhren mit mir Karussell. Immer häufiger durchzuckten mich Blitzen ähnliche, sich elektrisch anfühlende Schläge. Es zog mich würgend zusammen, in die Stellung einer Krevette. Die Zunge fuhr aus meinem schmerzhaft aufgerissenen Mund, schlängelte, ein fremdes, wirbelloses, gemartertes und verkrampftes Tier. Schreie! Dies dauerte etwas mehr als einen Monat.
Wieder zurück in Zürich, als ich auf einer Rolltreppe hinauf in die Bahnhofshalle fuhr, begann im Kopf ein Summen, das sich wie ein großer Bienenschwarm anhörte und lauter und lauter, bald stürmisch wurde. Alles begann, sich wie von innen her zu ändern. Ein durchscheinend bewegter Sinn gab allem eine tiefe Bedeutung, in dem sich die feste Wirklichkeit - die Materie – aufzulösen schien. Fadengleich im Wind tanzend strömte eine Energie durch die Bahnhofshalle, die die Züge, die Fahrleitungen, Menschen und selbst in den Teer getretene Kaugummis miteinander verband. Mein Ich-Bewusstsein löste sich auf und strömte mit dieser wogenden Kraft. Hellwach ergriff mich ein jubelndes Glück unglaublicher Zugehörigkeit. Ich sah in mich – eine fantastische Innenschau! Ein silberner Strom durchfloss meine Rückenwirbel, ergoss sich ins Stammhirn und zerstob in Licht, Farben und Gefühle. Das dauerte Stunden. Ich wusste damals nicht, was mir geschah, aber die Empfindung einer unbegrenzten Verbundenheit rettete mich.
Einige Tage später begann es, mich zu rütteln und zu schütteln. Ich musste jeweils auf die Knie oder mich hinlegen, um nicht umgeworfen zu werden. Die Bewegung verlief schlangenartig vom Becken über den Rücken hoch zum Hals. Den Kopf musste ich zu Beginn mit den Händen halten, um nicht am Nacken verletzt zu werden. Ein Tanz, eine gewaltige Entladung gestauter Energie. Das geschah mir täglich mehrmals, dauerte über einen Monat und ließ sich zu Beginn kaum stoppen.
In der folgenden Zeit floss der Strom oft, allerdings selten mehr sichtbar. Aber er konnte heftig werden, mir mitten aus hellwacher Faszination das Bewusstsein rauben. Mal induzierte er ein Kribbeln im Körper, mal da, mal dort ein Ameisenlaufen. Oft litt ich unter einem aufreibenden, ermüdenden Sengen, welches im Yoga als reinigendes Feuer beschrieben ist, gastrisches Feuer genannt wird und schrecklich lange schlaflose Nächte verursacht. Diese Energie kennt kein Erbarmen – Siebenmeilenstiefel der Heilung, die mich mit sich fortrissen. Allerdings trat ich auch öfter mal nur auf der Stelle. Aber einmal entfacht, sucht sich diese Energie ihre eigenen Wege, treibt verdrängte Kindheitserlebnisse hoch, eine Odyssee voller traumatischer Schrecken. Dazwischen erlebte ich jedoch immer wieder Tage, Wochen und Monate, in denen die Energie wunderbar warm floss – mich selig davontrug und alles um mich in warmen Farben leuchten ließ.
Bei alldem war natürlich Vorsicht geboten. Einmal widerfuhr mir dieser Tanz in einem Nachtzug. Nur wenige Passagiere fuhren mit, sodass ich mich in ein leeres Abteil zurückziehen konnte. Als ein Schaffner vorbei kam, blieb er für längere Zeit nachdenklich vor mir stehen. Nur mit großer Anstrengung konnte ich den groben Zweitakt hindern, nicht aber, dass mich ein wanderndes Zucken durchfuhr. Ich wusste, was mir geschah, fürchtete aber, in eine Klinik gebracht und dort ruhig gespritzt zu werden, was man heute allerdings weniger bedenkenlos tut als noch 1971. Der Schaffner ging dann fort und kehrte bald mit einem Kollegen zurück. Als ich mit Mühe «Liebeskummer» stotterte, verschwanden sie, und ich ließ dem zwingenden Zweitakt wieder freien Lauf.
Kapitel 6
Kafkas «allerletzte Wissenschaft». Blitze, die Nietzsche der Übermensch
sind. Rilke lernt, sich fürchten mit der wirklichen Furcht. tttt
Es war der Instinkt, der mich vielleicht gerade um der Wissenschaft willen, aber einer anderen Wissenschaft als
sie heute geübt wird, einer allerletzten Wissenschaft, die Freiheit höher schätzen liess als alles andere.
Franz Kafka
Dass Kafka hier nicht von einer exakten Wissenschaft wie der Physik schreibt, ist wohl klar. Ohne Zweifel ist eine Psychologie gemeint. Und nach bisher Gesagtem zu folgern eine andersgeartete als die von ihm als lächerlich bezeichnete Psychoanalyse.
Der wesentliche Unterschied der von Kafka so benannten allerletzten Wissenschaft zur Psychoanalyse ist, dass diese allerletzte Wissenschaft ein psychosomatisch-energetischer Prozess ist, der nicht nur auf Gespräche baut. Kafka war sich des großen Unterschiedes zwischen dem von ihm erzählten Prozess und der Psychoanalyse durchaus bewusst! Sollte dieser Psychologie nicht noch viel Unverständnis und Ablehnung entgegengebracht werden, wird sie die «allerletzte(n) Wissenschaft» sein – ein uraltes und wiederentdecktes Wissen.
Kafka ist sich sehr bewusst, was er Wichtiges mitzuteilen hat. Das zeigt er, wenn er von einer «allerletzten Wissenschaft» schreibt. Einer «allerletzten Wissenschaft» wird keine weitere glaubwürdige Psychologie mehr folgen. Bei ihr geht es darum, die verpasste Reifung unserer Libido abzuschliessen – was in der Pubertät und Adoleszenz wegen gesellschaftlicher Zwänge zu unserer Natur fremdem Verhalten verhindert wurde. Dies kann einzig ein energetisch orientierter Prozess leisten. Dabei geht es um die Überwindung von Blockaden, die gegen Ängste und Schrecken errichtet werden mussten und die unsere vitalen Energien ersticken.
Der hier behandelte energetische Prozess ist jedoch nur wenigen psychologischen Schulen bekannt. Aus diesem Verdacht heraus fragte ich mehrere Psychotiker nach ihren Erfahrungen – ob sie von einem sich elektrisch anfühlenden Strom durchflossen wurden und ob sie von Psychologen und Psychiatern in Kliniken oder in persönlicher Behandlung jemals danach gefragt wurden, eine Psychose wie einen inneren Sturm erlebt zu haben. Mehrere der Befragten erlebten diese Stürme, verneinten aber ausnahmslos, mit ihren Therapeuten darüber gesprochen zu haben. Selbst mit einem an Schizophrenie Erkrankten, der sich während seiner Psychosen von versteckten Sendern bestrahlt, elektrisiert und manipuliert fühlte, wurde nie über körpereigene Energien gesprochen. Es wurde ihm einzig als Wahn ausgelegt. Bestimmt hätte es ihm Erleichterung verschafft, zu wissen, dass diese Ströme in ihm und sie natürlich und gesund sind. Daraufhin hätte er vielleicht nicht Selbstmord begangen. Auch traf ich öfter eine Frau, deren Klagen sich jämmerlich anhörten. Sie sagte mir, dass sie die Ursache ihres psychischen Zusammenbruchs, mit darauffolgender Einweisung in eine psychiatrische Klinik, in einem sich elektrisch anfühlenden Schlag durch den ganzen Körper sieht. Verständlich machen uns dies die folgenden Zitate von Nietzsche:
Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müsstet?
Friedrich Nietzsche/Also sprach Zarathustra
Meint Nietzsche damit, was dieser Frau widerfuhr? Und er fährt fort:
Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn!
Friedrich Nietzsche/Also sprach Zarathustra
Und:
...: dieser Blitz aber heisst Übermensch.
Friedrich Nietzsche/Also sprach Zarathustra
Damit haben wir schon mal die Fährte des Übermenschen aufgenommen! Von einem Übermenschen spricht übrigens schon Goethe in Faust I (Zeile 490):
Welch erbärmlich Grauen fasst Übermenschen dich!
Auch E. T. A. Hoffmann wusste von diesen Blitzen:
Durch alle Glieder fuhr es ihm wie ein elektrischer Schlag, er erbebte im Innersten.
E.T.A. Hoffmann/Der goldne Top
Diese Blitze erlebte ich über Wochen. Sie fühlen sich tatsächlich an wie elektrische Schläge, von Fuß bis Kopf. Erstmals widerfuhr es mir, als ich entspannt am Einschlafen war. Später konnte ich sie willentlich hervorrufen, indem ich Füße und Unterschenkel beruhigte und der darin steckenden Angst nachgab, ähnlich einer durch Höhenangst verursachten Lähmung. Heute geht das nicht mehr, da ein Großteil meiner Ängste abgebaut ist.
Diese Energie kann aber auch andauern: ein Gefühl, als ob man an einem elektrischen Strom angeschlossen sei. Davon schreibt Henry Miller:
Ich wurde so elektrifiziert, dass ich mich nicht zu bewegen wagte aus Furcht, ich würde wie ein Bulle losbrechen und eine Häuserwand hochklettern oder tanzen und schreien.
Henry Miller/Wendekreis des Steinbocks/Rowohlt/Buch-Nr. 8060/1080/S. 188
In dem hier besprochenen Prozess geht es darum, ein nie entwickeltes, durch die Zivilisierung unterdrücktes energetisches Potenzial zu entfalten und zum selbstbestimmten, ausgewachsenen Menschen zu reifen. Dies ist weder das Ziel der Psychoanalyse noch der Verhaltenstherapie oder der Tiefenpsychologie. Zwar beeinflussen diese Therapien eingespielte neuronale Netzwerke teils positiv, Klienten überwinden z. B. leichte Depressionen oder Phobien. Aber wovon die hier zitierten Dichter schreiben, bewegt sich auf einer anderen Ebene. Dabei geht es darum, sich ein hinreißendes, durch unsere Zivilisation verlorenes Erbe zurückzugewinnen. Und erst wenn dieses Erbe, unser ganzes energetisches Potenzial, zurückgewonnen ist, kann von einer Heilung gesprochen werden. Jeder andere Erfolg ist für Leidende zwar begrüßenswert, bezieht aber nur einen Teil des ganzen Menschen mit ein. Das immense Potenzial unseres Körpers bleibt dabei verschüttet. Viele dieser Erfolge können durchaus als eine sich positiv auswirkende Hirnwäsche gesehen werden. Man bringt damit Symptome zum Verschwinden, heilt aber nicht deren Ursache, den Verlust unseres Potenzials. Und da selbst in der Tiefenpsychologie energetische Erlebnisse und diesbezügliche Messungen nicht erwähnt sind, vermute ich, dass auch sie nur sehr beschränkt Tiefes aufrührt. Dies ist allerdings nicht unbedingt anzuraten, verlief doch das Leben der meisten hier besprochenen Dichter nicht sehr glücklich. Und hätte ich die Wahl, diesen Prozess nochmals durchleben zu dürfen, würde ich jedenfalls entschieden abwinken.
Der österreichische Psychologe und Forscher Gerhard Eggetsberger ist Leiter des IPN-Instituts für Biofeedback. Er nahm bei Menschen Messungen vor, die von Kundalini-Erlebnissen berichteten. Dabei stellte er fest, dass bei diesen der Wirbelsäule entlang, an den Orten, wo sich die Nervenaustritte an der Wirbelsäule befinden, in der Regel ein 25–50-fach höheres elektrisches Potenzial gemessen wird als bei Individuen ohne diese Erfahrungen.
Hörte man Reich zu, der feststellt, dass schon eine kleine Erhöhung der Körperenergie große Ängste auslöst, wäre womöglich manche diagnostizierte Psychose als dem hier besprochenen Prozess zugehörig zu erkennen und womöglich heilbar, allerdings mit den ihn begleitenden Leiden, ähnlich denen des Odysseus, der:
... auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet,
Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.
Homer/Odyssee/ Übersetzung Voss/Zeilen 4+5
Zum Anstieg der Energie äußert sich auch R. M. Rilke, zwar mit anderen Worten als Reich, aber offensichtlich meint er dasselbe:
Aber seitdem habe ich mich fürchten gelernt mit der wirklichen Furcht, die nur zunimmt, wenn die Kraft zunimmt, die sie erzeugt.
Rainer Maria Rilke/Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Also eine «allerletzte Wissenschaft», wie Kafka schreibt! Wir haben es bei den hier besprochenen Dichtern mit der Beseitigung von Blockaden zu tun, die gegen Ängste und Schrecken der Kindheit errichtet werden mussten und die natürliche Reifung unserer Libido verhindern.
Da diese Prozesse ähnlich verlaufen, kann Rilke zwischen sich und Kafka ein Parallelgehen feststellen. Er sagt, er hätte nie eine Zeile von Kafka gelesen, die ihn nicht auf das Eigentümlichste selbst anginge oder erstaunend gewesen wäre.
Und spricht Kafka von seinem Niedergang, so warnt Rilke in einem Brief aus dem Jahr 1912 bezüglich der erzählten Erlebnisse in «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge»:
Ich sehe seit einer Weile ein, dass ich Menschen, die in der Entwicklung ihres Wesens zart und suchend sind, streng davor warnen muss, in den Aufzeichnungen Analogien für das zu finden, was sie durchmachen; wer der Verlockung nachgibt und diesem Buch parallel geht, muss notwendig abwärts kommen; erfreulich wird es wesentlich nur denen werden, die es gewissermassen gegen den Strom zu lesen unternehmen.
Rilke spricht hier von der Allgemeinheit unbekannten Erlebnissen. Aber nicht selten werden eigene Erlebnisse, weitab von denjenigen, die der hier beschriebene Prozess mit sich bringt, als ihnen ähnlich oder gar als sich deckend beschrieben. Andererseits macht die Erwähnung von Wilhelm Reichs Psychologie, die sich in vielem mit derjenigen der großen Dichter deckt, viele Literaturwissenschaftler kurz angebunden und ihre Blicke kalt. Leider machen lange Studien und erworbene Titel keine Tänzer und geben nur beschränkten Einblick in unsere Tragödie. Unser emotionaler Verlust kann nur durch diesen Prozess richtig eingeschätzt werden.
Wilhelm Reich schreibt von großen Dichtern und Schriftstellern:
Grosse Schriftsteller und Dichter haben die emotionelle Pest, seit sie wütet, beschrieben und bekämpft. Wer die Werke dieser grossen Frauen und Männer gelesen und wirklich begriffen hat, kennt auch das Gebiet, das wir mit dem Begriff emotionelle Pest kennzeichnen.
Wilhelm Reich/Charakteranalyse/KIWI 1927/S. 370
Der Prozess ist von großen Gefühlsschwankungen begleitet, die desto weiter ausschlagen, je tiefer man in seine Vergangenheit vordringt. So schreibt Nietzsche in «Die fröhliche Wissenschaft» neben all den erwähnten Leiden auch von hohen Stimmungen, die er während längerer Zeit immer wieder erlebt haben wird:
Hohe Stimmungen. – Mir scheint es, dass die meisten Menschen an hohe Stimmungen überhaupt nicht glauben, es sei denn für Augenblicke, höchstens Viertelstunden, – jene Wenigen ausgenommen, welche eine längere Dauer des hohen Gefühls aus Erfahrung kennen.
Friedrich Nietzsche/Die fröhliche Wissenschaft
Und in «Jenseits von Gut und Böse» lehrt er:
Nicht die Stärke, sondern die Dauer der hohen Empfindungen macht die hohen Menschen.
Friedrich Nietzsche/Jenseits von Gut und Böse
Dies führt zur Frage, was mit Erleuchtung oder Erlösung gemeint ist. Meist wird ein nur kurz andauernder Einbruch von Energie, von vielleicht höchstens zehn bis fünfzehn Minuten, dafür genommen. Er löst heftige, durch den Betroffenen jedoch wegen ihrer Kürze kaum richtig einschätzbare Erschütterungen aus. Schopenhauer nannte diese Erlebnisse «ozeanisch». Man erlebt sie vielleicht als allumfassende Liebe, als ein unbeschreibliches, alles verbindendes Licht, oder auch als ein grenzenlos leuchtendes, alles durchdringendes, wissendes Wesen. Oft erscheint, was man gelehrt wurde oder woran man gern glauben möchte. Vielleicht an einen alles durchdringenden Gott, der, erklärt man ihn für tot wie Nietzsche, auch zu einem alles durchdringenden Willen zur Macht werden kann. Aber es kann auch nur der alte Gott mit Schnauz und Bart sein.
Erfährt man diese Einbrüche nur einige wenige Male für bloß kurze Zeit, wird man kaum fähig sein, dabei Beobachtungen anzustellen. Man wird überwältigt dazu neigen, Übersinnliches oder Außerirdisches als Ursache anzunehmen. Diese Erlebnisse werden eine der Ursachen der Gründung verschiedenster Religionen sein oder von Bekehrungen wie der von Saulus zu Paulus. Dauern diese Energieflüsse jedoch längere Zeit an, also Tage oder Wochen, verliert sich das Überwältigende. Man lernt, sie realistischer einzuschätzen, und wird der Möglichkeit gewahr, dass sich dies bloß in einem selbst abspielen könnte. Man wird diesen Erlebnissen dann kaum mehr Wünsche oder einen überlieferten Glauben unterschieben wollen. So erhaben es uns vorkommen mag, wunderbar mit dem ganzen Universum verbunden zu sein oder mit einem allmächtigen Gott in Verbindung zu stehen: Mehr als dass diese Erlebnisse uns ganz und gar erfüllen, ist dabei nicht auszumachen. Gespaltenen Wesen wie uns erscheinen diese plötzlich hereinbrechenden, wundervollen Erfahrungen leicht überirdischen Ursprungs, und gern gaukeln wir uns irgendwelche Götter oder eine über den Naturgesetzen stehende Kraft als Ursache vor.
Auch Kafka kannte vermutlich länger andauernde hohe Gefühle, oder wird sie zumindest angestrebt haben. So lässt er im Roman «Der Prozess» K. sagen:
«Jeder denkt nicht so wie Sie», sagte K. Ich zum Beispiel bin auch angeklagt, habe aber, so wahr ich selig werden will ...
Franz Kafka/Der Prozess
So wahr ich selig werden will – Kafka nimmt also zumindest an, dass der Prozess nicht nur dazu führt, durch eine Dachluke von einem staubigen, stickigen Dachboden her für nur kurze Zeit durch eine Dachluke gelegentlich mal frische Luft schnappen zu können. Unmissverständlicher als Kafka, was unsere Möglichkeiten betrifft, ist Rilke:
Diese Aufzeichnungen, indem sie ein Mass an sehr angewachsene Leiden legen, deuten an, bis zu welcher Höhe die Seligkeit steigen könnte, die mit der Fülle dieser selben Kräfte zu leisten wäre.
Rainer Maria Rilke/Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Und Peter Sloterdijk schreibt sogar von energetischen Paradiesen:
Der lebendige Niemand ist es, der, trotz der Gräuel der Sozialisation, sich an die energetischen Paradiese unter den Persönlichkeiten erinnert. Sein Lebensgrund ist der geistesgegenwärtige Körper ...
Peter Sloterdijk/Kritik der zynischen Vernunft/edition suhrkamp 1099/S. 156
Geistesgegenwärtiger Körper – Niemand! Was soll uns das sagen? Vom menschenfressenden Zyklopen Polyphem nach seinem Namen gefragt, nannte sich Odysseus «Niemand». Dank diesem Niemand und infolge der Blendung des einen Auges inmitten der Stirn des Zyklopen konnten Odysseus und seine noch nicht verspeisten Gefährten dem einäugigen Ungeheuer entkommen, das sie als Proviant in seiner Höhle gefangen gehalten hatte. Ein Niemand war es also, der aus der Gefangenschaft der Höhle zu entkommen wusste – aus den Fängen des durch Sozialisierung beengenden Frontallappens, da, wo Polyphems’ ausgestochene Auge saß. Wir sind da wie Kain gezeichnet, sesshaft geworden wie er, zu Besitzenden – oder werden von Besitzenden zur Arbeit getrieben. So war unser ursprüngliches Leben nicht. Dahin entwickelten sich unsere Gene jedoch nicht. Viele unserer Vorfahren, Jäger und Sammler, lebten über Jahrhunderttausende weitgehend egalitär und solidarisch. Aber sesshaft geworden und darum um Besitz kämpfend, bildeten sich oft harte Hierarchien. Freiheiten gingen verloren und damit auch die Gunst Gottes – wie dies Kain dem Ackerbauern widerfuhr.
Als Rache für die Blendung seines einäugigen Sohnes trieb dann der Meeresgott Poseidon Odysseus durch die Meere, durch das Unterbewusstsein – hatte er doch, zum Niemand geworden, den trügerischen Halt im Ich aufgegeben.
Henry Miller beschreibt, wie sich das Sengen des einen Auges anfühlt, des dritten Auges oder des Frontallappens:
Sterne, Sterne ... wie ein Schlag zwischen die Augen, und alles Erinnern plötzlich ausgelöscht. Ich war Samson, ich war Lackawanna, und ich starb als Einzelwesen in der Verzückung vollen Bewusstseins.
Henry Miller/Wendekreis des Steinbocks/Rowohlt/Buch-Nr. 8060 1080/S. 182
Die Höhle des Zyklopen und die gelungene Flucht Odysseus’ dank dieses Niemand werden Platon zu einem eigenen Höhlengleichnis herausgefordert haben. Darin beschreibt er uns als Gefangene, angekettet in einer Höhle, wo wir nur Schatten des wahren Lebens wahrnehmen. Ist es für Homer ein Niemand, der sich die Freiheit erlistet, sind es für Platon unter anderem disziplinierte Studien der Mathematik und Philosophie, die uns ins Licht der reinen Ideen tragen sollen – in ein Licht, das noch heller und strahlender als unsere natürliche Sonne scheinen soll? Und um dieses Ziel zu erreichen, riet er selbst zu schwärzester Pädagogik – sah harte Zwänge zumindest im Kindesalter als förderlich. (Ältere wären ihm vermutlich davongelaufen):
... indes an einer solchen Natur, wenn sie von Kindheit an gehörig beschnitten und das dem Werden und der Zeitlichkeit Verwandte ihr ausgeschnitten worden wäre, was sich wie Bleikugeln an die Gaumenlust und andere Lüste und Weichlichkeiten anhängt und das Gesicht der Seele nach unten wendet, würde dann, hiervon befreit, sich zu dem Wahren hinwenden ...
Platon, Politeia, 7. Buch
Anhand dieser beiden Höhlenbilder ist der geistesgeschichtliche Wandel Europas zu verstehen. Obwohl man heute Lüste eher auslebt, als es Platon für angemessen hielt, haben er und ihm ähnliche Nachfolgende, voran die Stoiker, uns beizubringen versucht, dass Disziplin das Mittel sei, um in höhere Welten oder Sphären einzutreten. Nach Platon soll es ja eine unwandelbare Welt der Ideen geben, die Ursprung unserer degenerierten materiellen Welt sein soll. Und um in diese unwandelbare ursprüngliche Welt zurückzukehren, soll praktiziert werden, was das Ungeheuer Polyphem Gestalt annehmen ließ.
Platon erlebte offenbar ozeanische Momente, von denen er ja auch erzählt. Diese ließen ihn wohl reine Ideen als Ursprung des Lebens annehmen. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass diese kurzen Lichterscheinungen die Folge extremer Stresssituationen sind, was auch Nietzsche so sieht:
Leiden war’s und Unvermögen – das schuf alle Hinterwelten; und jener kurze Wahnsinn des Glücks, den nur der Leidendste erfährt.
Friedrich Nietzsche/Also sprach Zarathustra
Vielleicht verschafft uns unsere Natur bei lang andauernden, schweren Belastungen durch diese ozeanischen Erlebnisse ganz schlicht Erleichterung. Es könnte eine ererbte Funktion sein, die unter extrem belastenden Umständen unser Leben rettet. Dazu gaukelte uns unser Unbewusstes eine beispiellose Zugehörigkeit vor, eine allumfassende Liebe oder einen uns liebenden Gott als beschützenden Vaterersatz. Leider wird man aus diesen Erlebnissen nur als Kind keine großartigen, vermeintlich weltbewegenden Schlüsse ziehen oder gar eine auf harter Disziplin basierende Religion oder philosophische Schule gründen, was leider unser Erbe geworden ist. Und wir treiben diese Dressur in Schulen immer weiter – in weltweiter Konkurrenz hetzen Eltern und Schulen ihre leistungsgestressten Kinder gegeneinander auf. Man zwingt sie heute vielleicht weniger, um vordergründige Liebenswürdigkeit bemüht, treibt sie jedoch mit Motivationen und verstecktem Druck, wobei unzweideutig ist, dass von ihnen allzu viel verlangt wird. Wir haben in der globalen Konkurrenz zu bestehen, ist der Tenor in den meisten Medien und von Politikern. In dieser Konkurrenz zu bestehen, nötigt zu immer neuen Innovationen, was immer bessere Ausbildungen erfordert. Es müssen doch immerzu neue Produkte ausgedacht und auf den Markt geworfen werden, um in diesem zerstörerischen Wahnsinn bestehen zu können. Der Kapitalismus hat den Planeten im Klammergriff und es bleibt kaum noch anderes als Bildungsdressur.
Kapitel 7
Die auf allen Karten falsch eingezeichnete Bahn des Großen
Dichters. Nietzsches Leiden im Paradies der alten Schlange. tttt
Die Tatsache, dass sich die Menschheit beharrlich weigert, die Tiefe und die wahre Dynamik ihres chronischen Elends anzuerkennen, hat gute und überaus rationale Gründe. Ein solcher unvermittelter Wissenseinbruch würde alles das, was die Gesellschaft trotz aller Kriege und Hungersnöte, trotz emotionalen Massenmords und kindlicher Not am Funktionieren hält, lähmen und zerstören.
Wilhelm Reich/Christusmord/Aus meinem Zettelkasten/Buch vergriffen
Jede menschliche Gemeinschaft hat ihre Konventionen, verbietet oder tabuisiert gewisses Verhalten und fordert die Unterdrückung von Trieben, Instinkten und Gefühlen. So sollten wir als Knaben nicht weinen und verlernten es. Bei indianischen Stämmen, die uns in der Jugend Vorbilder waren, mussten während Initiationsriten höllische Folterqualen stoisch ertragen werden. Nach meiner Kenntnis wird in der Emotionsforschung der Verlust von Gefühlen infolge des Zwangs der Sozialisierung nur von wenigen, kaum beachteten oder ins Abseits gedrängten ForscherInnen erwähnt. Meist macht man mit Freud bloß ein Unbehagen in der Kultur aus.
Falls die Aussagen der hier zitierten Dichter und die Nietzsches von mir richtig interpretiert sind, geht es ihnen darum, sich zu ihrer vollen Reife zu entfalten. Würden sie nicht nach einem freien, ursprünglichen und natürlichen Leben suchen, wäre der Prozess, ein langer Passionsweg, weder von Kafka noch von Nietzsche bewusst in Kauf genommen worden. Dass Kafka dies tat, habe ich schon gezeigt. Nietzsche sagt es in folgenden Zeilen, in denen er auch auf den Aufenthaltsort der Schlange hinweist – der in ihm ist. Und er sagt auch, was die Ursache vieler seiner Krankheiten ist, für die Mediziner oft keine Erklärungen fanden:
Was locktest du dich
ins Paradies der alten Schlange?
Was schlichst du dich ein
In dich – in dich?
Ein Kranker nun,
der an Schlangenkraft krank ist;
ein Gefangener nun,
der das härteste Los zog:
im eigenen Schachte
gebückt arbeitend
in dich selber eingehöhlt,
dich selber angrabend,
unbehilflich, steif,
ein Leichnam-,
von hundert Lasten übertürmt,
von dir überlastet,
ein Wissender!
Ein Selbsterkenner!
Der weise Zarathustra!
Nietzsche/Dionysos-Dithyramben/Zwischen Raubvögeln/Das Feuerzeichen
Als Ursache einiger seiner Krankheiten sieht er also eine Schlange, sagt er doch: «Ein Kranker nun, der an Schlangenkraft krank ist». Dies könnte Denker auf die Spur bringen, dass seine Philosophie nicht einzig als Frucht seines Denkens zu denken ist, was viele Denker denken. Daher schreiben Denker meist auch nur, was sie denken, dass Nietzsche denkt, und weniger von seinen aussergewöhnlichen Erfahrungen.
Nietzsches Erkenntnisse, seine Kritik an Religion und Gesellschaft, sind vorwiegend Folgen des Prozesses, den diese Schlange symbolisiert. Und wie er zu verstehen gibt, lockt er sich zu ihr, «ins Paradies der alten Schlange», und schleicht sich ein in sich. Und um im Paradies dieser Schlange sich zugrunde zu kommen, gräbt er sich selber an. Außer Zweifel wühlt er dabei alt verdrängtes auf, wozu er «im eigenen Schachte gebückt» arbeitet. Die Schlangenkraft macht krank, stößt sie sich doch schmerzhaft an Verdrängtem, wodurch Zarathustra seiner Steifheit zugrunde kommt. Dabei begegnete er bestimmt auch horrender Furcht, kann doch, was Zarathustra zum steifen Leichnam erstarren ließ, nur Furcht gewesen sein. Und im Vergleich mit anderen zog er das härteste Los, also auch dabei jeden anderen übertrumpfte.
Dass diese Schlange tatsächlich die indische Kundalini ist, zeigt er anhand einer parallelen Mythe. So soll Dionysos mit dem Thyrsos, der der Bedeutung der Schlange entspricht und Nietzsche das Herzstück seiner Philosophie und Psychologie ist, zwar in Theben geboren, aber in Indien von Nymphen erzogen worden sein und sein Wissen von da nach Griechenland gebracht haben. Gustav Schwab schreibt von Dionysos in «Sagen des klassischen Altertums»:
In Indien erzogen, verliess er bald die Nymphen, seine Pflegerinnen, ...
Gustav Schwab/Sagen des klassischen Altertums/Verlag Carl Ueberreuter/S. 43
Hat Nietzsche sich ins Paradies der alten Schlange gelockt, tat er es trotz seines Wissens, dass ihn Leiden erwarten? Dementsprechend meint er in «Jenseits von Gut und Böse»:
... dankbar sogar gegen Noth und wechselreiche Krankheit, weil sie uns immer von irgend einer Regel und ihrem «Vorurtheil» losmachte …
Friedrich Nietzsche/Jenseits von Gut und Böse
In diesem Zitat ist der Grund seines Ja zu seinen Leiden auszumachen. Was bei trivialer Sicht eine Perversion ist, ja zu Leiden zu sagen, ist also um den Gewinn neuer Erkenntnisse zu verstehen, die die Schlangenkraft mit sich bringt. Man hat sich etliche von Nietzsches Krankheiten nicht als irgendwelche Infektions- oder Erbkrankheiten vorzustellen. Die Ursache einiger seiner Krankheiten liegt in der Schlangenkraft, wie er nachdrücklich sagt. Andere Krankheiten machen ja kaum frei von Regeln und Vorurteilen, auch wenn daran zu glauben manchem Trost spendet. Nietzsche hob den apollinischen Schleier an und die dionysische Welt, der Prozess, wurde ihm zur Hoffnung auf ein neues Leben.
Dass auch Rilke Erkenntnisse aus Leiden gewann und sie darum in Kauf nahm, findet sich in «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge»:
… wie bereit ich alles Erwartete aufgebe für das Wirkliche, selbst wenn es arg ist.
Vielleicht sollte ja entgegen der weitverbreiteten Meinung, über Literatur seien keine sicheren Aussagen zu treffen, erforscht werden, was Rilke «das Wirkliche», Kafka eine «allerletzte Wissenschaft» und Nietzsche das «Paradies der alten Schlange» nennt. Womöglich möchten sie uns trotz weitverbreiteter gegenteiliger Meinung etwas ganz Bestimmtes mitteilen. Viel Geschriebenes der Literaturwissenschaft müsste allerdings zum Altpapier gepackt werden, läse man die Karten richtig, was Rilke bezweifelt. (Er spricht hier von dem schon erwähnten großen Dichter):
Da las ich dich erst, da sie mir ausbrachen (Raubtiere) und mich anfielen in meiner Wüste, die Verzweifelten, Verzweifelt, wie du selber warst am Schluss, du, dessen Bahn falsch eingezeichnet steht in allen Karten.
Rainer Maria Rilke/Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Es war, nebenbei bemerkt, auch dies, was mich veranlasste, einige Kartografen wörtlich zu zitieren und auf Fehler wissenschaftlicher Vermessungstechniken hinzuweisen. Nur die Schlangenkraft und der geweckte Zweitakt wecken Raubtiere. Andere Bemühungen werden bestenfalls Mäuse und anderes Kleingetier aufscheuchen, was nicht mit den Gefahren und Schrecken des Prozesses vergleichbar ist. Indes gibt es auch welche, die sich vor kleinen Tieren schreiend auf Stühle oder Tische flüchten.
Vielfältige Autorenbasis
Analysen von Klassikern von Rilke über Kafka bis zu modernen Denkern wie Lawrence Durrell.
